Der Philosoph Peter Sloterdijk prägt den Begriff der „Anthropotechnik“ als Antwort auf die Wirtschafts- und Sinnkrise unserer Gesellschaft. „Du musst dein Leben ändern“, nennt er sein neues Buch. Führende Intellektuelle fordern eine neue Ethik für den spätkapitalistischen Menschen. Alter Wein in neunen Schläuchen, wenn Ralf Dahrendorf hierzu nach Begriffen wie Mäßigung, Gelassenheit und Übung verlangt.
Im SPIEGEL stellt Matthias Matussek unter dem Titel „Der neue Mensch“ die Vorreiter eines „Neuen Denkens“ und deren Gedanken zum allgemeinen Krisenmanagement vor. Er verweist auf Ralf Dahrendorfs Essay „Nach der Krise: Zurück zur protestantischen Arbeitsethik“ und auf Wolfram Weiner, Chefredakteur von „Cicero“, welcher die aufklärerischen Ideale von „Freiheit, Gleichheit und Bürgerlichkeit“ propagiert.
Matussek schreibt: Am radikalsten jedoch geht der Philosoph Sloterdijk mit uns Bisherigen ins Gericht. Umkehr, Entsagung, das sind ebenfalls Grundmotive in seiner großangelegten philosophischen Dichtung, die seit Wochen in der Bestsellerliste steht; „Du musst dein Leben ändern.“… In immer neuen Anläufen beschwört Sloterdijk durch die Kulturgeschichte hindurch die großen Einzelgänger, die über sich Hinausgreifenden, die Nichtmitmacher, die „neuen Menschen“ in der Tradition Nietzsches. An Athleten und Künstlern und Mönchen führt er das vor, was er „Anthropotechnik“ nennt. Er kommt zu dem Schluss der Mensch solle „in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens annehmen.“
Wie schrieb schon der alte Salomon am Ende seines Lebens?: Nichts Neues unter der Sonne. Dahrendorf verweist auf tugendhaftes Verhalten, welches der geneigte Leser bereits bei der Lektüre der Stoiker, bei Augustus und Seneca hätte erkennen können (und sollen?). Und war es nicht ebenjene „protestantische Ethik“, die uns die Gottgefälligkeit des Geldverdienens erst verherrlichte?
Und schließlich: Klingt Sloterdijks Titel „Du musst dein Leben ändern“ nicht wie die nunmehr zwei Jahrtausende alte Forderung des Johannes: Metanoie - ändere deinen Sinn!?
Ist es eher nicht so, dass der spätkapitalistische Mensch, sich weder zu einem „neuen Menschen“ entwickeln muss und keiner neuen Ethik bedarf, sondern sich auf den Schatz seiner bereits existierenden Werte besinnen sollte. Mehr fordern die angeblich „neuen Denker“ letztendlich, wenn auch in neue Worte gekleidet, auch nicht.

Dienstag, der 5. Mai 2009 um 14:38
Schon “interessant” und mehr als peinlich, dass selbst Chefredakteure und “Vordenker” wie Weiner nicht mal mehr in der Lage sind, richtig vom Französischen ins Deutsche zu übersetzen, und “Aufklärung” von französischer Revolution zu unterscheiden…
“Liberté, égalité, fraternité” waren die Schlagworte der französischen Revolution, und “fraternité” hat mit “Bürgerlichkeit” überhaupt nichts zu tun, sondern meint “Brüderlichkeit”. Und das ist dann in der Tat ein heute nicht mehr sehr beliebtes Wort, weil es etwas mit “Solidarität” und “sich Einsetzen für Bedürfnisse andere” zu tun hat.
Diese Solidarität halte ich persönlich allerdings in der Tat für dringend notwendig.