Wo beginnt, wo endet die Freiheit der Medien? Muss wirklich alles und zu jeder Zeit gezeigt werden können? Auch wenn wir gar nicht (oder doch?) merken, wie das Niveau bestimmter „Medienformate“ zunehmend sinkt und zu lauten Gegenreaktionen und Kritik führt.
Am Beispiel einer auf RTL II „live“ gezeigten Schamlippen-Schönheits-Operation stellt sich einem denkenden Menschen die Frage: Was soll das? Hat das in irgendeiner Weise mit Medienfreiheit zu tun? Oder handelt es sich schlichtweg um das, wofür es von Kritikern gehalten wird – nämlich Blödsinn bzw. gezielte Verblödung?
Unter dem Titel „Schneller, leichter, seichter – wie wir hemmungslos verblöden“ stellte Titel-Thesen-Temperatmente das neue Buch von Michael Jürgs vor: Wenn Dieter Bohlen uns erklärt, wer das Zeug zum Superstar hat, wenn TV-Köche uns das Mittagessen in den Topf diktieren …, dann mag das einen ganz normalen Entspannungsabend vor dem Fernseher abbilden. Oder aber, es sind deutliche Symptome einer gesamtgesellschaftlichen Verblödung.
Einschränkend stellt Jürgs zwar fest: „Ich glaube, dass die Blödheit oder die Verblödung oder die Masse der Blöden früher genauso groß war. Nur gab es damals keine eigenen Programme, keine eigenen Buchverlage, keine eigenen Zeitungen. Das heißt, der Markt ist da und er wird von den Gärtnern der Seichtgebiete, die genau wissen, was sie tun, bestückt.“
Jürgs These: Alles wird seichter. Boulevard-Formate wie „Erwachsen auf Probe“, die Teenager beim Dauerversagen im Alltag beobachten, bezeugen die Verwahrlosung breiter Gesellschaftskreise. Dem hält die Medienwissenschaftlerin Klaudia Wick entgegen: „Ich finde, es gibt einen Schub in den letzten Jahren, doch er geht in eine andere Richtung, als Jürgs meint. Es geht nicht in Richtung Verflachung, sondern dahin, sich mit gesellschaftsrelevanten Themen auseinanderzusetzen.“ Meint sie damit etwa so etwas wie eine von RTL II „live“ gezeigte Schamlippen-Schönheits-Operation? Oder dass sich ein Bordellbetreiber unter dem Namen „Prince Germany“ im Nachmittagsprogramm darstellen kann? Zu Zeiten, in denen viele Kinder alleine daheim vor der Glotze hängen (müssen?).
Jürgs: „Die Folgen von solchen Tabubrüchen, die keine mehr sind, sind Geschmacklosigkeiten, die zum Programm erhoben werden … eine Verblödung. Denn wenn Sie so einen Scheiß, auf deutsch gesagt, immer wieder sehen oder lesen oder hören oder erleben, glauben Sie, so ist die Welt.“
Mal wieder alles nur Panikmache? Oder spiegeln Jürgs Thesen gegen die Verblödung und Trivialisierung unserer Kultur das Unbehagen vieler wieder? Sind Schamlippen-Operationen kein Fall fürs Fernsehen, sondern ein Fall für den Ethikrat?

Dienstag, der 21. Juli 2009 um 10:51
Hallo Herr Piecha,
wir haben uns ja schon mit allem möglichen geistigen Dünnpfiff berieseln lassen müssen: Wir wissen jetzt schon fast alles über z. B. Penisverlängerungen, Brustvergrößerungen, Lippenaufspritzen, Nasenkorrekturen, Ohrenanlegen, Intimpiercings und und und. Da kommt es doch auf so eine Schamlippenkorrekturoperation auch nicht mehr an. Bin mal gespannt, ob sie endlich mal eine Sendung zu den weitgehend unbekannten Themen wie Gehirnamputation oder Hirn-auf-Erbsengröße-Aufblasen bringen; von mir aus auch gerne in Zeitlupe, damit es auch ja jeder von uns Deppen verstehen kann.
S. Leibfried, da stehe ich machtlos vis a vis…
Dienstag, der 21. Juli 2009 um 13:23
Leicht vereinfachte Binsenweisheit: Das Geld, das der Sender zum Überleben benötigt, zahlen die Werbekunden. Diese zahlen der Zielgruppen-Zuschauerquote entsprechend, deshalb wird gesendet, was die Zuschauer sehen wollen. Ergo: Nicht der Sender macht, sondern die Zuschauer machen letztlich das Programm.
Der durch wirtschaftliche Notwendigkeiten begrenzten Freiheit der Medien steht jedoch meine Freiheit als Zuschauer gegenüber: Niemand nötigt mich, bestimmte Beiträge zu sehen, niemand hindert mich, einfach aus- oder gar nicht erst einzuschalten. Wenn sich also wer auch immer über das Niveau von Sendungen aufregt, muss er sich fragen lassen: “Warum sehen Sie sich so etwas an? Nur um einen Grund zu haben, sich öffentlich über die gewerbliche Verdummbeutelei zu echauffieren?”
Selbstverständlich sollten Kinder und Jugendliche vor den flimmernden IQ-Senkern geschützt werden, aber hier kommen wir auf ein ganz anderes gesellschaftliches Problem: Nicht die Lehrer sind für´s Lehren verantwortlich, sondern die Eltern. Nicht die Eltern sind dafür verantwortlich, wo ihre Kinder spielen, sondern die Autofahrer dafür, dass trotzdem nichts passiert. Nicht die Wähler sind dafür verantwortlich, wie sie regiert werden, sondern die Politiker, die sie selbst gewählt haben usw. Wiederum sind nun nicht die Eltern dafür verantwortlich, was sich ihre Kinder im Fernsehen angucken, sondern die unverantwortlichen Sender.
Fazit: Das grundsätzliche Problem liegt nicht in der Hirnlosigkeit oder Geldgier der Sendeverantwortlichen, die wie jedes andere Unternehmen das Produkt liefern, das nachgefragt wird, sondern in einer Gesellschaft, in der die Individuen überwiegend nicht nur straflos ihre Verantwortung umgehen können, sondern in der sie dazu auch noch stets ermutigt oder sogar genötigt werden. Wer wollte sich z. B. heute noch vorwerfen lassen, sich der kommunalen Zwangssozialisierung seines Zweijährigen im Kindergarten zu widersetzen und womöglich selbst “erziehen” zu wollen? Undenkbar! Weitere Beispiele gibt es in nahezu beliebiger Anzahl.
Es ist also ein komplexes Thema, das hier lediglich angerissen werden kann, und es ist in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu sehen. Eine Reduktion auf Sender- und/oder Zuschauerschelte jedenfalls bringt uns einer Lösung nicht einmal näher.
Dienstag, der 21. Juli 2009 um 16:18
Natürlich handelt es sich bei „Medienschelte“ nur um einen Aspekt der Gesamtsituation. Erst das Betrachten aller oder zumindest einiger wesentlicher Zusammenhänge ergeben eine Vorstellung von der Komplexität der gesellschaftlichen Situation, in welcher solch eine Verblödung möglich ist.
Insofern ist es egal, wo man gedanklich ansetzt, ob nun bei den Medien oder bei der Verantwortlichkeit der Eltern. Die Verantwortung wird sich sowieso (und erfolgreich) gegenseitig zugeschoben und erzeugt damit einen Status Quo, der alles erlaubt. Und eine theoretische Betrachtung zielt ohnehin oft an der alltäglichen Realität vorbei. Denn: Stellen wir uns die Fragen einmal pragmatisch. Wie z.B. soll eine Alleinerziehende, die keinen Hortplatz hat, ihrem Kind, das den Nachmittag alleine daheim verbringt, medienverantwortliches handeln beibringen - Fernsehverbot? Ha, ha. Wie ist einer Verwahrlosung vorzubeugen, wenn keine soziale Verantwortung übernommen wird?
Längst ist es fraglich, ob „Programmmacher“ lediglich die Bedürfnisse eines Marktes bedienen oder ob sie durch ihr schleichendes Absenken des Niveaus einen Markt der Verblödung schaffen und kostengünstig bedienen.
Richtig: Man muss sich diesen Mist weder sich selbst noch seinen Kinder antun. Dieses weit verbreitete, egozentrische Argument greift meiner Meinung nach aber ein wenig zu kurz und nicht einmal über den Rand des eigenen gemachten Nestes hinaus. Mit persönlich ist es aber nicht egal, was die Kinder, die mit meinen Kindern zu tun haben, vorgesetzt bekommen. Erfahrungen bei Elternabenden und mit Heranwachsenden zeigen mir ein realeres Bild, als mir die Theorie zu vermitteln vermag: Viele Kinder sind auf sich alleine gestellt (und später als Eltern genau so überfordert)… usw. usw. … und werden sich vielleich eines Tages fragen, warum wir ihnen damals nicht geholfen haben …
Dienstag, der 21. Juli 2009 um 19:35
Vielleicht gibt es in der Evolution 2 Kräfte, eine Art zentrifugale und eine Art zentripedale Kraft. Die eine führt zur inneren Mitte, zur Stille und durch die andere wird so manches aus der Evolution entfernt.
Der nun so ganz offensichtlich werdende Schwachsinn führt früher oder später dazu, dass sich niemand mehr dafür interessiert.
Nicht die Frage, wie können wir unser Kinder schützen ist zielführend, sondern anders herum, wie können wir unsere Kinder stark machen oder besser formuliert “ihnen helfen sich stark zu entwickeln”?
Was schätzen Kinder, was hilft ihnen? Ehrlichkeit, offenes Interesse an Ihnen, Wohlwollen….