Erweiterte Suche

blog:BIZZLOUNGE News
Alle Kreter lügen - Die Kunst, mit Vorurteilen zu leben

vorurteileDie Beschäftigung mit unserem Bizzlounge-Porträt brachte mich auf ein immer wieder bedenkenswertes Thema: Vorurteil und Toleranz. Begriffe, die uns leicht und selbstverständlich über die Lippen kommen. Wir verurteilen das Vorurteil und halten uns in der Regel für tolerant. Dabei wäre es interessant, diese anscheinend so selbstverständliche Haltung einmal darauf zu überprüfen, ob es sich dabei nicht eben um solch ein Vorurteil (nämlich uns selbst gegenüber) handelt? Denn, so schreibt der Soziologe Alphons Silbermann, wir vor-urteilen bereitwillig, wenn Gefühlsbewegungen uns zu einer Folgerung ohne viel Nachdenken und ohne Vertrautheit mit den Fakten bringen.

Könnte es daher nämlich nicht ganz anders sein? Zum Beispiel so, dass wir keineswegs frei von Vorurteilen gegenüber unterschiedlichen Meinungen oder Menschen sind, sondern dass wir uns (schlimmer noch) noch nicht einmal ein (Vor)-Urteil über sie erlauben? Dass wir uns für gewisse Umstände einfach überhaupt nicht wirklich interessieren, weil wir uns mit den nötigen Fakten für ein faires Urteil gar nicht auseinander setzen wollen?

Könnte es nicht so sein, dass wir uns zwar für tolerant halten, aber eigentlich lediglich ignorant sind gegenüber den Herausforderungen, die sich mit dem Tolerieren des Andersartigen verbinden? Wenn jemand wie unser Bizzlounger Siegbert Leibfried (siehe Porträt) es sich zur Aufgabe gemacht hat, junge Menschen zu gegenseitigem Respekt anzuhalten, dann doch wohl deswegen, weil sowohl das Urteil über die eigene Person wie auch das über den Mitmenschen der Korrektur bedarf, bevor ein friedliches Miteinander überhaupt erst möglich ist?  Oder wie Silbermann schreibt: Es gilt also, durch Vorurteile hervorgerufene Konfliktsituationen zu meistern, was keine leichte Angelegenheit ist, wenn wir bekennen, dass es unter den mannigfachen Vorurteilen, die uns umgeben und die uns zu eigen sind, so manche sind, die wir geradezu hegen…

Bedenken wir Vorurteil einmal als einen Zustand, ein Zwischenstadium, über dessen Beschäftigung man zu einem Urteil für sich gelangen kann. Dazu müsste man sich ein Vor-Urteil allerdings erst einmal sich selbst gegenüber erlauben. Das Vor-Urteil wäre dann das Vorstadium zu einem „Nach-Urteil“, das man auch als Erkenntnis bezeichnen könnte. Darum finde ich, sollte man ein Vorurteil weder ignorieren, noch sollte man so tun, als hätte man keines. Wäre es nicht viel fruchtbarer, sich seiner eigenen Vorurteile bewusst zu werden, um sie hernach auf ihre Haltbarkeit zu überprüfen? Positiv betrachtet wäre das Vorurteil einer Sache oder einem Menschen gegenüber Auslöser dafür, dass man sich Gedanken darüber machen könnte, was einem gerechteren oder faireren Urteil und damit einem besseren Miteinander im Wege steht.

Alphons Silbermann’s Gedanken interpretiere ich hierzu wie folgt: Wenn jemand behauptet, er sei ohne Vorurteile, so lügt er entweder oder er ist ein Ignorant. Denn: Niemand kann ohne Vorurteile leben. Die Frage ist nicht, frei von Vorurteilen zu sein, sondern wie man mit seinen Vorurteilen umgeht, darin besteht die Kunst der Menschlichkeit.

Timo Piecha (Montag, der 10. August 2009 / 10:24) | Permalink

Eine Antwort zu “Alle Kreter lügen - Die Kunst, mit Vorurteilen zu leben”

  • unregistered Siegbert Leibfried sagt:

    Hallo Herr Piecha!
    Sie (und Silbermann) treffen den Nagel auf den Kopf! - Jeder hat seine Vorurteile. Das ist nämlich menschlich.
    Entstanden einerseits aus Ängsten, die uns ja zur Vorsicht mahnen und so unser Überleben erst ermöglicht haben, und andererseits aus ganz individuellen Erfahrungen.
    Und auf denen können wir ja aufbauen: Situationen und Menschen neu beurteilen, in einem anderen Licht betrachten, Entwicklungen mit einbeziehen und somit neu bewerten, uns also ein echtes Urteil erlauben.
    Retrospektiv meinetwegen auch ein Nachurteil, das nix anderes als ein aus weiteren Erkenntnissen gewonnenes neues Urteil ist (aus dem übrigens wiederum ein Vorurteil entstehen kann!).
    Wir sind als Multiplikatoren gefordert dieses (dynamische) Wissen genau dorthin zu transportieren, wo es gebraucht wird: nämlich auf direktem Weg zu den einzelnen Menschen. Jeden Tag! - Und: So auch - hoffe ich (!) - allen Demagogen effektiv vorzubeugen und dadurch auch einen wertvollen sozialen, humanistischen Beitrag zu leisten.
    In diesem Sinne!

Einen Kommentar hinterlassen

Login für Mitglieder