
Ein Roboter als Hochzeitspfarrer, endlich, mögen die einen denken, besonders angesichts der jüngsten Skandale um katholische Geistliche, andere mögen das für verrückt halten und als japanische Skurrilität abtun. Skurril, so heißt der Kern des Pudels, er könnte aber auch genauso gut monströs oder absurd heißen. Der Irrsinn des technisch Machbaren ist nicht nur ein Kind Japans. Sprechende Kühlschränke, Videograbsteine, Internetvorleser in Hasenform und Navigationssysteme mit Star Wars Stimmen (Siehe Video am Ende des Beitrags) wären weitere Beispiele.
Zugegeben sind diese Spielereien allesamt harmloser Natur, aber der Hang des Menschen, Aufgaben an Maschinen zu delegieren, zeigt sich nicht zuletzt in der Technik, durch die wir uns unseren Alltag diktieren lassen. Zukunftsvisionen in Filmen wie Disney’s Wall-E, War Games oder Matrix, oder Büchern wie 1984, Schöne neue Welt oder Lem’s Futurologischem Kongress, kommen einem da unweigerlich in den Sinn.
In der zeitgenössischen Musik, ersetzen Sequenzer Studiomusiker und Software wie Autotune begradigen unliebsame Fehler in Audioaufnahmen. Programme spucken Gedichte im Goethe Stil aus und Roboter malen Bilder. Am Ende steht dann ein oft nicht vom Menschen unterscheidbares Werk, denn Seele und Gefühl sind keine objektiven Parameter. In der Durchschnittsküche finden sich vorgekochte, chemisch aufgepeppte Convenience Produkte, die uns immer mehr von tatsächlichen Aromen und auch den Ursprüngen der Nahrung entfremden. Die Liste der lebensvereinfachenden Maßnahmen ließe sich beliebig fortsetzen.
Ich bin ein durchweg Technik affiner Mensch, aber bei aller Liebe zur Technik, die auch in ihrer Verspieltheit sein darf, sollten wir nicht vergessen, welches Ansinnen die frühen Naturwissenschaftler, Philosophen und Aufklärer hatten. Zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, nach den Gesetzen der Menschlichen Vernunft leben, und sich zu entwickeln und zu verwirklichen, soweit unsere Lebensumstände dies ermöglichen.
Die Technik des letzen Jahrhunderts hat uns, den Bewohnern der Industriestaaten, etwas geschenkt, das für uns so selbstverständlich geworden ist, dass wir weder Wertschätzung dafür hegen noch Umsicht im Verbrauch daran üben: Zeit.
Stellen Sie sich doch einmal vor täglich 16 Stunden Feldarbeit zu leisten und das mit einer Lebenserwartung von vielleicht 40-50 Jahren. Dieses Kleinod, Zeit, das uns durch den gesellschaftlichen und technischen Fortschritt geschenkt wurde, war nie in solcher Menge verfügbar. Was fangen wir damit an? Ganz ohne Graue Herren, wie in Michael Endes Momo, rieselt uns beständig eben dieses Kleinod aus der Tasche. Wir lassen uns unterhalten, statt uns zu unteralten, lassen uns fahren, statt uns zu bewegen und überlassen Dingen immer mehr Verantwortung unseres persönlichen Lebens. Und während sich Kinder noch über das kleinste Lebewesen wundern können, muss es für viele Erwachsene ein Bits und Byte Saurier aus Hollywood sein.
Der Mensch sollte sich, meiner Meinung nach, zwar die Erde besser nicht Untertan machen, aber sie wachen Auges staunend erfahren und seine Kompetenzen als Individuum nicht einfach verschenken.
Beim Schreiben dieses Artikels bin ich auf folgende Werbung gestoßen, und da ich mich dabei köstlich amüsiert habe, möchte ich diese Ihnen auch nicht vorenthalten.
eingebunden mit Embedded Video
Peter Brandt

Donnerstag, der 20. Mai 2010 um 11:27
Computer als Hochzeitspfarrer? Warum nicht? In einer Zeit und Gesellschaft, in der die (Zivil-) Ehe mehr eine Wahl der Steuerklasse darstellt und das “Versprechen” der lebenslangen Gemeinschaft gerade bis zur - nächsten - Scheidung gilt, das “bis daß der Tod uns scheidet” somit besser den Namen des Scheidungsrichters bedeutet, in solch einer Zeit ist eine Zeremonie mit (echtem) Pfarrer doch bestenfalls organisierte Heuchelei, wenn nicht sogar gefährlich, indem sie blauäugigen Gemütern (oder solchen auf rosa Wolken) eine Beständigkeit vorgaukelt, die im Namen von Freiheit und Individualismus längst abgeschafft wurde.