
Gegen Wirtschaftskrise, Griechenlandpleite, Ölpest und 750 Milliarden Rettungsschirm hatte eine kleine Randnotiz natürlich kaum eine Chance. Google’s „Einbruch” in die Privatsphäre lief zwar über den Ticker, war aber dann fast ebenso schnell wieder aus dem Blickfeld. Google dürfte das sehr gefallen haben, dass man das Firmencredo „Don’t be evil” nicht allzu sehr mit Häme überzogen hat.
Sollte das Thema an Ihnen vorübergerauscht sein, hier noch mal eine kurze Zusammenfassung:
Bei der Aufzeichnung von „Streetview” Daten hat Google „ganz aus Versehen”, so Google, persönliche Daten aufgezeichnet, und zwar Seitenbesuche und Teile von Emails. Dies war möglich, weil immer noch etliche Menschen über ein ungesichertes WLAN surfen, auch wenn der BGH dies diese Woche quasi verboten hat. Eigentlich möchte man meinen, dass die mit Google beschrifteten und mit Kamera auf dem Dach ausgestatteten Autos „nur” Straßen, Menschen, Häuser ablichten und in den Äther schicken, aber scheinbar geht Google’s Sammelwut weiter.
Obwohl ich die Medienberichte verfolgt habe, blieb verschlossen, wie es dazu kommen konnte. „Aus Versehen”… Diese Entschuldigung ist nicht leicht nachzuvollziehen, um es höflich auszudrücken. Vorstellbar, dass man „aus Versehen” durch ein offenes Fenster blickt und Zeuge von privaten Eskapaden oder Dramen wird, auch Verbrechen sind schon „aus Versehen” gefilmt oder fotografiert worden. Alle diese Versehen hatten aber gemein, dass sie aus einer sehr wohl beabsichtigten Beobachtung resultierten, wenn auch nicht die eigentlichen Ziele der Betrachtungen waren. Im Bild bleibend hieße Google’s „aus Versehen”, dass eine Kamera aus der Tasche gefallen und sich selbst eingeschaltet hätte. Denn was wollte Google an der Stelle denn aufzeichnen? Wozu werden diese Fahrzeuge mit „WLAN-Sniffern” ausgestattet, die dann auch noch den empfangenen Datenstrom speichern. Sind hier trojanische PKW unterwegs?
Haben Sie sich mal für Spaß Ihr Haus auf Google Earth angesehen? Und waren Sie zu erkennen? Die Detailversessenheit mit der das amerikanische Unternehmen unseren Planeten vermisst, erfasst, katalogisiert und durchleuchtet kann schon bedenklich stimmen. Big Brother is watching us. Dabei ist es schwer Google tatsächlich zu entkommen, es ist sogar schwer Google nicht irgendwie doch zu mögen. Dieser Riese hat es vollbracht seinen jugendlichen Lausbubencharme über die Zeit zu retten. Nichtsdestotrotz haben Google (oder Microsoft) fast immer die Finger mit im Spiel, wenn User durch den digitalen Kosmos trampt.
Wissen Sie wo Google überall drin steckt? Eine Marke mit über 90 Milliarden Euro Wert muss doch ein Gesicht haben. Da wären zum einen die bekannten Google Marken, die Suche, GMail, Google Maps, AdSense, AdWords, IGoogle, Froogle, Analytics, Earth etc. Und auch YouTube und DoubleClick gehören zum Googelschen Portfolio. Somit hält Google neben 80% Marktanteil bei der reinen Suche auch einen Marktanteil von 80% der amerikanischen Online Werbung. Die meisten Applikationen hat man übrigens durch das Einverleiben kleinerer Startups wie LLC generiert. Dank Android dringt das Unternehmen nun auch stärker in den Smart Phone Sektor ein. Diese Aufzählung ist übrigens bei weitem nicht komplett, aber alleine das Aufzählen aller Applikationen und Aktivitäten würde einen Beitrag leichthin sprengen.
„Das Ziel von Google besteht darin, die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen.”, so lautet es in der Firmenbeschreibung. Der Begriff „die Informationen der Welt” ist ein Anachronismus. Während der Internetnutzer glaubt, er suche, saugt der Datenmoloch das letzte Quäntchen Information, alleine aus der Anfrage.
Ist Google auch kaum noch aus dem Alltag wegzudenken, so stellt sich dennoch die Frage, ob ein einzelnes Unternehmen Herr über die Information werden darf. Natürlich können Sie entgegenhalten, dass die Informationen letztlich aus den unterschiedlichsten Quellen stammen, aber die Katze schreit laut auf vor Schmerz, wenn sie sich hier in den Schwanz beißt, weil eine Information natürlich nur dann ihren Nutzen erbringt, wenn sie auch zu finden ist.
Ich hoffe, dass die Leute aus Mountain View ihr Credo niemals ganz vergessen mögen, und vieles was aus dem hübschen Kalifornien kommt, lässt ja auch hoffen. Viel toller Open Source Code, breite Unterstützung freier Entwickler und offener Standards und endlos praktische Tools. Ein solches „Versehen”, wie das letzte darf sich auf jeden Fall nicht wiederholen, sonst muss dem Riesen tüchtig auf die Finger geklopft werden.
Behalten Sie ruhig ein wenig für sich, machen Sie Ihre Vorhänge zu und vor allem, schützen Sie Ihr WLAN, auch wenn keine Autos mit bunten Buchstaben an den Seiten unterwegs sind.
Peter Brandt

Mittwoch, der 26. Mai 2010 um 20:59
Hallo Herr Brandt!
… Irgendwann haben wir auch den allerletzten Rest an Privatsphäre verloren. Die technischen Voraussetzungen hierfür gibt es ja längst. Moralische Bedenken werden über kurz oder lang vollends weggewischt sein. Das zu erleben macht so keinen Spass mehr und nimmt mir die (zugegebenermaßen kaum vorhandene) Angst vorm Sterben vollends. Das ist das Positive an der Sache. Wie so ein gläsernes Leben aussehen würde, wird uns ja in so schwachsinnigen Fernsehsendungen wie Big Brother mit vorwiegend völlig verblödeten (Selbst-) Darstellern täglich vor Augen geführt. Na ja!
Herzlichst
S. Leibfried