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Wo war Schimanski?

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Pünktlich zum Sommerloch fällt unseren Medien die Katastrophe bei der diesjährigen Love-Parade in Duisburg in den Schoß. Die ehemalige Bergbaustadt, seit der Stilllegung der deutschen Zechen nur noch zweifelhaft durch den Tatort und den durch Götz George verkörperten, hier Titel gebenden, Kommissar bekannt, wollte nach Anschein durch die Ausrichtung eines Großevents mal wieder positiv ins Gespräch kommen. Dass man über Duisburg spricht hat nun leider besser geklappt, als die Verantwortlichen in ihren kühnsten Träumen befürchtet haben dürften.
Eine traurige Bilanz, ziert das Resümee, der diesjährigen Parade, die sonst eher durch leicht bis nicht bekleidete Teilnehmer, Drogen und wild urinierende Horden von sich reden machte. 19 Tote und 500 Verletzte, dazu 100 Erklärungen, 1000 Entschuldigungen und 10000 Besserwisser.

Wie stets bei solchen Tragödien schnellen die Zahlen in die Höhe. Es seien 1.4 Millionen Gäste, statt der zugelassenen 250.000 dort gewesen, wobei „dort” nicht näher spezifiziert wird. In dem Tunnel, in dem sich das Unglück ereignete? Vor der Bühne? In der Stadt? Die Beschränkung von 250.000 gilt im Übrigen für den Festplatz hinter dem besagten Tunnel. Wie viele Besucher insgesamt bei der Veranstaltung waren spielt erst insofern eine Rolle, als sich auf dem Platz mehr als die 250.000 Personen befunden hätten.

Ich möchte aber gar nicht die Veranstalter und die Stadt in Schutz nehmen, denn dass sich ein solches Nadelöhr, wie ein Tunnel, im Falle einer Panik zur Todesfalle entwickeln kann, leuchtet selbst Menschen, die mit Panikforschung und Schwarmtheorien sonst wenig zu tun haben ein. Dass der Tunnel der einzige offene Weg zum und weg vom Gelände war, dürfte die Crux an der Sache gewesen sein.

Wie auf der Autobahn reicht ein Stoppen am Beginn der Karawane und zieht sich dann Reihe für Reihe nach hinten durch, bis jeder einmal gestanden ist. Drücken dann wie in diesem Fall von hinten wie von vorne Menschenmassen gegeneinander werden die Personen in der Mitte quasi zerrieben. Die Panik erledigt den Rest.

Soweit lässt sich den Medien folgen, was aber dann generalstabsmäßig abläuft spottet jeder Beschreibung. Auf der einen Seite kommen die Großaufnahmen der Betroffenen und Angehörigen, dann auf der anderen die, die alles vorher gewusst haben. Eigentlich finden sich nachher nur Leute, die alles gewusst haben. Und nicht nur gewusst, sondern auch gesagt haben. Man lädt Experten ein, die auch alles gewusst haben, oder stellt die Fragen so um, dass es zumindest nachher so klingt. Und wenn ein Experte tatsächlich sachlich, aber substantiell, etwas zum Besten gibt, wir der der nächste Filmbericht die Spekulationen schon am köcheln halten.

Dann beginnt das große Abschreiben und die Formulierung „laut Presseberichten” fällt immer öfter, aber auch immer öfter ungehört.
Ich kann und werde diesen Fall nicht beurteilen, aber der Ablauf ist stets derselbe. Angehörigen bleibt kaum die Zeit ihre Verluste zu betrauern. Noch ehe die Grabreden geschrieben wurden, füllen Rücktrittsforderungen und Klageschriften die Nachrichtenticker. Ein Bauernopfer macht noch keinen Lazarus, liebe Medien. Es werden lieber ein paar Konsequenzen als eine Lehre gezogen, denn noch nie wurde aus Nachrichten so schnell Geschichte und nur für die Hinterbliebenen bleibt ausgerechnet die Erinnerung an den Tod lebendig.

Natürlich müssen die Sachverhalte geprüft werden, natürlich müssen Versäumnisse, die solches Elend mit sich bringen zu Konsequenzen führen, aber nicht durch einen Medienmob, der schon lyncht, bevor die Fakten überhaupt feststehen. Selbst hier sollte eine Unschuldsvermutung gelten.

Stellt sich am Ende heraus, dass tatsächlich Geld und Geltungsdrang über Vernunft und guten Rat gesiegt haben dürfen die Medien gerne richten, was die Justiz noch übrig ließ.

Peter Brandt

Peter Brandt (Dienstag, der 27. Juli 2010 / 08:18) | Permalink

6 Antworten zu “Wo war Schimanski?”

  • Kirsten_Wodniok Kirsten Wodniok sagt:

    Erst am Tag der Loveparade, Samstag, 24.07.2010 gegen 09:00 Uhr morgens, unterschrieb der Oberbürgermeister von Duisburg die Genehmigung für diese Großveranstaltung. Das ist ein Fakt, der mir schwer zu denken gibt. Die ganzen Vorbereitungen zur Loveparade waren also ohne diese Genehmigung gelaufen. Dies muss man sich mal mal so richtig durch den Kopf gehen lassen.
    Diese Veranstaltung hätte, wenn man es genau genug genommen hätte, im Grunde garnicht stattfinden können, sollen, dürfen…

    Kirsten Wodniok

  • unregistered Christian Bonkowski sagt:

    Lieber Herr Brandt,
    “Recht haben oder glücklich sein, man kann nicht beides haben” ist ein wichtiges Motto für mich. Bevor hier aber wieder auf alte Klischees eingedroschen wird stelle ich als Ruhrgebiets-Mensch klar: Duisburg ist keine heruntergekommene “ehemalige Bergbaustadt”, sondern eine Groß-, Hafen- und Stahl-Stadt in der Metropole Ruhr. Schade, dass Sie in dieselben Fallen tappen wie die Berichterstatter der Loveparade-Tragödie.

    Noch sind wir Kulturhauptstadt. Kommen Sie vorbei und machen sich selbst ein Bild!

    Herzliche Grüße,
    Christian Bonkowski

  • unregistered Helmut Lay sagt:

    “Am Ende ist die Wahrheit das Einzige, das wert ist, dass man es besitzt: Sie ist aufwühlender als Liebe, freudvoller und leidenschaftlicher. Sie kann einfach nicht versagen.” - Katherine Mansfield, Tagebücher

  • unregistered Helmut Lay sagt:

    kleiner Nachtrag, der Sehnsüchte weckt …
    … schaut euch mal die Videos an, es ist zum auswandern …

    http://derkleinestrich-weblog.blogspot.com/search/label/Videomarketing

  • Heike_Ruehmling Heike Rühmling sagt:

    Hallo Kirsten, hallo Herr Brandt,
    offensichtlich haben ja Sie/ Ihr beide auch nichts anderes zu tun, als pünktlich zum Sommerloch auch noch einmal die Schuldfrage zu erörtern.. :-)
    Das macht keinen mehr lebendig.

    Und wenn Du, liebe Kirsten, jetzt im Nachhinein so oberkritisch zum Besten gibst, wann da was wofür unzterschrieben wurde, dann frage ich mich, warum Du nicht gleich selbst die Loveparade organisiert hast… Du hättest Dich bestimmt rechtzeitig um alle Unterschriften gekümmert… :-)
    Hinterher wollen es alle immer besser gewußt haben! Warum haben die Besserwisser denn nicht die Verantwortlichen direkt angesprochen und gewarnt???
    Wer mag, kann doch auch mal die Meinung von Eva Herrmann dazu lesen. Angeblich tritt sie zwar öfter in Fettnäpfchen, aber ich finde ihren Gedanken dazu durchaus interessant. Zumindestens eine, die nicht hinterher richtet.
    LG Heike Rühmling

  • Sigi_Leibfried Sigi Leibfried sagt:

    Liebe Bizzlounger,
    als erstes sollten wir an das unsägliche Leid denken, das da geschehen ist. Meine ersten Gedanken waren bei den noch jungen Opfern und Verletzten sowie bei deren trauernden Angehörigen.
    Junge Leute, die ein friedliches Fest feiern wollten, sind dort auf grausame Weise zu Tode gekommen bzw. schwer verletzt worden. Weitgehend ohnmächtig mußten das alle Anwesenden, sowohl Teilnehmer als auch Polizisten und Ordner mit ansehen.
    Es sind hoffnungsvolle Leben zerstört worden, die Angehörigen und Freunde werden ein Lebtag darunter zu leiden haben. Ihnen gilt mein aufrichtiges Mitgefühl.
    Sie brauchen genau jetzt die Zeit zu trauern und die Geschehnisse aufzuarbeiten. Respektieren wir das und unterstützen wir sie dabei so gut es geht!
    Gleichzeitig müssen die Ursache des Unglücks untersucht und die Lehren daraus gezogen werden, damit so etwas nicht wieder passiert. Das gibt dem Leid wenigstens einen Sinn, den Angehörigen mit Sicherheit aber keinen Trost!
    Natürlich gehört dazu auch die Klärung der Frage der einzelnen persönlichen Verantwortungen, somit einerseits die daraus resultierenden juristischen und natürlich andererseits auch die damit verbundenen moralischen Bewertungen und Konsequenzen. Effekthascherei, Klugscheißertum und Sensationsjournalismus ist dabei so überflüssig wie ein Kropf, aber unvermeidlich: leider!
    Im Gedenken an die Opfer r. i. p. !
    S. Leibfried

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