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Wenn aus einem Kind ein Täter wird

jugendgewalt

Nur kurz fiel das Licht der Medien auf das unglaubliche Drama, das sich jüngst während einer Ferienfreizeit im niederländischen Ameland zugetragen hat. Eine neue „Qualität”, in einer Gewaltspirale, die wir nur häppchenweise zu lesen oder sehen bekommen, die uns aber scheinbar nicht aufhorchen sondern abstumpfen lässt.

An Berichte über gewalttätige Jugendliche, die bis hin zum Totschlag  traurig die Schlagzeilen füllen, hat man sich beinahe schon gewöhnt. Amokläufe, „Killerspiele konsumierender Außenseiter”, sind leider auch keine Ausnahme mehr.  Die Jugendlichen Insassen einer JVA, die einen Mitgefangenen bis zur Selbsttötung folterten, waren schließlich bereits Straftäter, also kam dieses Verbrechen doch nicht unerwartet. Auch der Stereotyp und die Ursachen sind in diesen Fällen schnell benannt, ob nun wahrhaftig oder nicht.

Was in Ameland geschah schien den Medien viel weniger Aufmerksamkeit wert zu sein, als pädophile oder sadistische Geistliche, dabei blieb mir bei dem Gedanken, eines meiner Kinder würde so etwas durchleiden müssen, der Atem weg. Nicht minder beschäftigte mich die Frage, ob meine Kinder eines Tages Täter in einer ähnlichen Weise werden könnten.

Die Täter, wie auch die Opfer waren 13 Jahre und älter. Allesamt waren  mit ihrem Sportverein zu einem Urlaub nach Ameland gefahren. Die Kinder kamen aus allen Teilen der Gesellschaft, also darf man auch annehmen, dass viele der Täter auch „behütet” aufgewachsen sind. Wie kommt eine Gruppe von Jugendlichen auf den Gedanken, Gleichaltrige mit Gegenständen aller Art zu vergewaltigen und zu quälen? Im möchte die widerwärtigen Details nicht wiederholen, weil mich der Grad der Verrohung schon beim Lesen paralysiert hatte. Die Ursachen werden sicher schnell gefunden: Eltern, Lehrer, Computerspiele, Fernsehen und Handy. Nicht zu vergessen: Die Gesellschaft. Im Einzelfall wird man in dieser Liste schon fündig werden, sei es auch auf Biegen und Brechen, aber wem nützt das? Wird das helfen für die Zukunft vorzubauen?

Ich habe in meinem Leben manchen Horrorfilm gesehen, und auch manche viel zu jung. Ich erinner mich, dass ich einmal sogar den Raum verließ, weil ein damaliger Freund einen Film anschleppte, der mir selbst im zarten Alter von 13 zu brutal und widerwärtig erschien. Wie etliche andere haben wir uns auch heimlich einen Pornofilm angesehen, aber all dies hat zumindest bei mir und meinen Freunden eines nicht bewirkt: Empathieverlust!

Mag es daran gelegen haben, dass der Konsum nicht so regelmäßig geschah, oder die Medien mittlerweile noch härter und brutaler geworden sind? Möglich, aber ich denke der Hauptunterschied war, dass wir von einem sehr schlechten Gewissen geplagt wurden, weil wir vorher schon wussten, dass vieles was in derlei Medien gezeigt wird, falsch ist, Leid verursacht und wir uns mit den Opfern identifiziert haben, nicht mit den Tätern. Das lag zum einen an unserer Erziehung, zum anderen an unserem Umfeld, aber auch am Blickwinkel der Kamera, eben dieser Medien.

Der Ton ist härter geworden, der Täter „cool” und die Sühne ist längst nicht mehr die Konsequenz der Unmenschlichkeit im Zeitalter von Filmen wie „Hostel” und Konsorten. Gewaltpornographie im Horrorfilm und Gewalt wie Horror im Pornofilm. Und alles ohne Filter, über die Weiten des WWW für Jederkind zu sehen. Erwachsene die Begrifflichkeiten wie „Gang-Bang” oder „Fisting” ahnungslos gegenüberstehen, wie ein Betreuer aus Ameland freimütig zugegeben hatte.

Bei der Flut an Bezugsquellen kämpft man gegen Windmühlen, wenn man versucht den Zustrom auszutrocknen. Und ich hoffe, dass wir nicht an dieser schönen neuen Medienwelt mit unseren Kindern scheitern. Was können Erwachsene tun, besser können Erwachsene etwas tun? Eine Antwort fällt an dieser Stelle schwer. Ich glaube, es ist leichter eine Antwort auf die Finanzkrise zu geben, als auf die Frage nach einer „richtigen” Erziehung. Wenn ich aber nun auf diese Fragestellung eine Antwort geben müsste, würde ich wahrscheinlich, ohne Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit, folgendes sagen:

Kinder brauchen Medienkompetenz. Sie müssen lernen Gut und Böse, richtig zu benennen. Und wie selbstverständlich das auch klingt: Ein Kind muss lernen Fiktion und Wirklichkeit zu trennen. Auch wenn Kinder bereits 10 Jahre und älter sind, ist ihnen nicht stets bewusst durch eine filmische Gaukelei unterhalten zu werden. Kinder nicht vor dem Fernseher „parken”, sondern gemeinsam schauen, gerade dann, wenn man sich nicht sicher ist, ob das Programm tatsächlich für den eigenen Spross geeignet ist. In den Schulen muss der PC viel stärker zum Einsatz kommen. In einer Welt, die immer schneller, bunter und „unterhaltsamer” wird, muss Schule gegenhalten. Mit Begeisterung lernt und lehrt es sich leichter.

Kinder sollten nicht unterschätzt werden. Kinder müssen auch an Krieg, Gewalt und Elend herangeführt werden. Übernehmen diese Aufgabe die neuen Medien, braucht man sich über mangelndes Mitgefühl nicht zu wundern.

So traurig das ist, aber Kinder brauchen auch Kontrolle. Nicht aus Misstrauen, sondern aus der Besorgtheit heraus. Es ist kein Fehler wissen zu wollen was über die Bildschirme huscht, wenn man nicht im Raum ist. Und Kinder verstehen oft, warum dieses oder jenes für sie ungeeignet ist, wenn man es ihnen auch erklärt, statt nur sanktioniert. Dabei sollte man selber über ausreichend Medienkompetenz verfügen. D.h., wenn Ihr Kind eine Spielkonsole hat, sollten Sie versuchen auf Augenhöhe mitreden zu können.

Natürlich gibt es auch Geräte, Software und Dienstleister, die einen gewissen Schutz versprechen, und zum Teil sogar halten. Gegen die gebrannte CD auf dem Schulhof hilft aber all dies nicht.

Das allerwichtigste aber ist, dass Ihre Kinder stets das Gefühl haben geliebt und respektiert zu werden, in diesem Punkt nämlich, sind Eltern wie Kinder in ihren Bedürfnissen gleich.

Peter Brandt

Peter Brandt (Dienstag, der 3. August 2010 / 08:14) | Permalink

Eine Antwort zu “Wenn aus einem Kind ein Täter wird”

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