
„Liebe Tante Hedwig, wir laden Dich ein uns kommende Woche doch einmal zu besuchen. Wir würden uns freuen, wenn Du uns, solange Du noch rüstig genug bist, unter die Arme greifen würdest…”
So oder so ähnlich würde sich der Wolfsjunge wohl eine „Gastarbeiterin” vorstellen, oder was sonst könnte ein arbeitender Gast sein. Wir wissen natürlich alle was sich hinter dem Begriff verbirgt, auch die damalige Geisteshaltung ist wohl weithin bekannt. Gast hieß halt in dem Zusammenhang, dass die, die da kommen später auch wieder gehen.
Vielleicht ein guter Plan, aber mal unter uns, würden Sie mit Ihren Kindern in eine Region zurückkehren, die Sie schon in Ihren eigenen Jugendtagen als perspektivlos erachtet haben?
Es hat vielleicht 20 Jahre gedauert, da begriffen die meisten bei uns, „huch” die Gastarbeiter gehen ja gar nicht. Was folgte waren 20 Jahre Integrationsdebatte, und diese dauert noch immer an. War die Debatte zunächst eher leise und wenn durch braune Seitenhiebe getrübt, änderte sich das schlagartig nach dem 11.September. Integration, oder mehr noch die mangelnde Integration machte plötzlich vielen Menschen, aber auch den politischen Kräften Angst. Was folgte war eine genauere Trennung der Ethnien in der öffentlichen Wahrnehmung. Verband man mit dem Türken vor dem 11.September noch das Kopftuch und den Döner, wie bis heute noch die Pizza und Pasta mit dem Italiener, so sahen viele danach in jedem Moslem einen potentiellen Terroristen. Moscheen und Islamschulen wurden über den Kamm zu Ausbildungslagern geschert.
Als Keim der Versuchung wurde schnell die mangelnde Bildung, die daraus resultierenden schlechten Berufschancen und als Ursache die Sprachbarriere entlarvt. Landauf, landab von Plasberg, über Christiansen und Will zu Illner reichen sich seit dem Experten die Klinke in die Hand und beklagen die Misere.
Zwischendurch wurden immer wieder Stimmen laut, die den Finger in die Wunde legten, andere griffen gleich zum Salzstreuer, und wieder andere zerrten und knibbelten gleich noch ein wenig an der Wunde rum.
Sie ahnten es, einer der letztgenannten Gruppe ist Thilo Sarrazin. Der (Ex-?)SPD-Politiker und (Ex-?)Bundesbankvorstand war schon seit längerem für seine markigen Sätze über Menschen mir Migrationshintergrund bekannt, hat sich nun aber so weit aus dem Fenster gelehnt, dass der Sturz kaum noch abwendbar scheint.
Beängstigend groß ist die breite Zustimmung, die Sarrazin auf der Straße erhält. Oder müssen wir tatsächlich dankbar sein, dass jemand unbequeme Wahrheiten zur Sprache bringt. Ich habe ehrlich nicht den Eindruck, dass wir das Thema Integration totgeschwiegen haben, auch über einen Mangel an Lösungsansätzen können wir uns nicht beschweren, nur wie so oft haperte es an der Umsetzung. Somit gilt der Zuspruch für Sarrazins Buch eher als Watsche für die Berliner Elite.
Es scheint, dass Sarrazzin die Märtyrerrolle gut gefällt, auch die Stimmen, die ihn als Rufer in der Wüste sehen dürften ihm gefallen. Nun gehen die Diskussionen häufig in die Richtung: „Aber eigentlich, hat er ja Recht…”. Damit sind zumeist die Zahlen und Betrachtungen gemeint, weniger die Schlussfolgerungen und noch weniger Sarrazins Äußerungen im Vorfeld. Ich möchte die gar nicht in aller Einzelheit auffächern, diese Aufgabe haben Print und TV schon in aller Ausführlichkeit erledigt. Auch an der Diskussion, ob eine solche Meinung in einem öffentlichen Amt oder in einer Partei tragbar ist, werde ich mich nicht beteiligen. Mir scheint die Frage, warum wir uns mit diesem Thema so schwer tun nach wie vor interessanter.
Wie kommt es, dass wir Publizisten und Talkshow-Wiedergängern erlauben immer wieder dieselben Platten in neuen Tempi abzuspielen, ohne das selbst gute Ansätze in der Realität ankommen. Durch die Hartz Gesetze wurde der Begriff vom Fordern und Fördern in Deutschland neu geprägt. Dass dieses Prinzip bei der Integration wenig Anwendung findet hat weniger mit Sozialromantik zu tun, als mit der deutschen Volksseele, die immer noch an den Schatten des NS-Regimes krankt. Natürlich hat Deutschland durch seine Vergangenheit die Pflicht in diesen Fragen besonnen zu Werke zu gehen, nur darf man Besonnenheit nicht mit Handlungsunfähigkeit aufwiegen. Deutschland soll ein gutes Beispiel sein. Aber wir schleppen eine Sozial-Neurose mit uns rum, die erwacht sobald in der Ausländerpolitik von Forderungen die Rede ist. Die Courage der besonnenen und gemäßigten Kräfte passt in diesem Feld bequem in einen Fingerhut, zu groß ist die Angst an den rechten Rand gestellt zu werden, so dass Brandstifter hier freie Bahn haben.
Wenn Eltern von ihren Kindern Leistung in der Schule fordern, geschieht dies im Interesse der Zöglinge. Und auch wenn Migranten keine Kinder sind, was spricht gegen etwas Zwang, wenn das Ergebnis für eine besserer Lebenssituation der Betroffenen sorgt? Bestehen Sie als Einwanderer in Neuseeland den Sprachtest nicht, gibt es keine Arbeitserlaubnis, in Israel gibt es nur staatliche Hilfen, wenn der Antragsteller hebräisch gelernt hat, usw. Nicht nur, dass uns die Sozialsysteme um die Ohren fliegen, auch nicht zweideutigen Kriminalstatistiken zu liebe, sondern weil wir so viel Potential nicht einfach aufgeben dürfen, müssen wir an dieser Stelle endlich etwas tun.
Wir brauchen keine abstrusen Ethno-Thesen, keine Leitkulturdebatten, Kopftuchverbote oder fehlinterpretierte Vererbungslehre von kleingeistigen Selbstdarstellern, sondern eine Hand voll Weichenstellungen, die vielleicht sogar Geld kosten dürfen, um damit diese Probleme mittelfristig tatsächlich zu lösen.
Peter Brandt

Mittwoch, der 8. September 2010 um 09:04
Lieber Stefan,
bisher habe ich mich bei dieser Diskussion rausgehalten. In diesem Umfeld, in dem ich mich durchaus sehr wohl fühle, möchte ich allerdings doch gerne was dazu sagen.
Ich selber bin ein Deutscher mit “Migrationshintergrund” - was für ein doofes Wort übrigens, ich verwende es aber aus Mangel an Alternativen.
Nun als solcher Ausnahmedeutscher fühle ich mich durchaus integriert in dieser Gesellschaft und halte die Aussagen von Sarazzin dem Hugenotten für dööfer als doof und nicht für wirklich integrationskonform.
Meine Eltern kommen aus einem Dorf aus der Türkei in dem heute noch Lehmbauten stehen.
Der Bildungssprung und Lebensstandartsprung, den meine Eltern mir und meinen Geschwistern ermöglicht und mit ihren sogut wie nicht vorhandenen Deutschkentnissen auch eingefordert haben, ist wesentlich höher und der weg teilweise skurril steinig als allgemein bekannt.
Und wir sind bei weitem keine Ausnahme…wir machen nur nicht so viel Aufsehen darüber, weil ich es für selbstverständlich erachte, dass man sich in eine Gesellschaft einbringt…auch mit persönlicher Haftung!
Ich glaube nicht, dass man Integartion erzwingen bzw. durch Zwang vorantreiben kann. Ein Bonus System wirkt besser als ein Malus-System, bin ich der Überzeugung.
Die damaligen türkischen Gastarbeiter sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen, weil Sie durch den Aufenthalt hier einen besseren Lebensstandart für Ihre Familie erhofft haben. Und dafür haben Sie eine MENGE in kauf genommen! Mir sagt dieser Umstand eines: Der Vergleich hat die Menschen dazu gebracht…
* Ihre Familie für ein paar Jahre nicht richtig sehen zu können
* Ihren Freundeskreis aufzugeben
* Ihren Bekanntenkreis aufzugeben
* Ihren Kulturkreis aufzugeben
* In ein Land zu gehen, in dem Sie nicht mal wussten wie man Hallo sagt, geschweige denn die Kultur und Wertemassstäbe kennen
* Medizinische Kontrollen über sich ergehen zu lassen mussten, damit Sie überhaupt einreisen durfte (du siehst schlecht oder hast ein schlechtest Gebiss -> du darfst nicht einreisen -> das musst Du Dir mal von einem aus der Generation life erzählen lassen, da läuft es Dir kalt den Rücken runter!)
–> Was ist da bitte schön ein Sprachkurs im Vergleich dazu ??? Nun da ich beruflich im Marketing und der Vermarktung verankert bin, sehe ich das aus diesem Blickwinkel: Die Vermarktung bzw. die Message seinerzeit für die Gastarbeiter war sehr simpel und für jeden verständlich: Komm nach Deutschland, arbeite und verdiene wesentlich besseres Geld als Du jetzt verdienst…und es hat eine gigantische Einwanderungswelle ausgelöst…vielleicht sollte man sich einfach mal darüber gedanken machen, wie man das Thema in den von den “Menschen mit grossem Integrationspotential” konsumierten Medien vermarktet? Für Tipps stehe ich gerne zur Verfügung.
Beste Grüsse,
Yakub
Mittwoch, der 8. September 2010 um 16:42
Für mich ist Deutschland ein Haus und das deutsche Volk eine Familie. In dieses Haus kommen nun Gäste und werden von der Familie aufgenommen. Die frühen Gäste benehmen sich, integrieren sich und freuen sich, dass sie so freundlich aufgenommen wurden; sie leisten ihren Beitrag in dieser Familie und in diesem Haus. Es entsteht ein gedeiliches Zusammenleben, alle gewinnen, alle freuen sich.
Dann kommt ein neuer Schwung Gäste. Diese Gäste beleidigen die Familie, machen ihr Geschäft in jede Ecke, beklagen sich über das Haus, vermehren sich wie die Karnickel, leisten keinen Beitrag sondern kosten die Familie permanent Geld, bringen ihre unguten Lebensweisen ins Haus. Durch solche “Gäste” werden auch die ursprünglichen, integrierten Gäste diskreditiert.
In meinem Haus möchte ich solche “Gäste” nicht haben. Und integrieren möchte ich sie schon gar nicht. Die bringen keinen Gewinn für uns und haben das auch gar nicht vor. Was würden Sie ganz persönlich mit solchen Leuten machen, wenn die in ihr Wohnhaus drücken?