
Manchmal vor Wut, manchmal tatsächlich Nahrung und immer öfter auf dem TV-Bildschirm. Den sympathischen Fernsehkoch, der uns kulinarische Highlights wie Toast Hawaii oder die legendäre gefüllte Erdbeere bescherte gibt es schon seit Generationen. Kochnischen in Servicemagazinen oder lokale Spezialitäten anheimelnd durch die dritten Programme aufbereitet ebenso. Aber in den letzten Jahren haben sich regelrechte Stars aus den Restaurants in die Stuben der Zuschauer gekocht. Noch nie wurde im deutschen Fernsehen mehr gekocht, während in den heimischen Küchen oftmals nur noch Mikrowellenöfen zu finden sind. Und nicht nur das, nein, das Thema Kochen hat sich weitere Nischen erarbeitet, die weit über das Vorkochen von Rezepten hinausgehen.
An dieser Stelle muss ich mich gleich mal outen. Eine der Sendungen schaue ich tatsächlich auch, da ich leidenschaftlich gern koche. Aber wie bereits erwähnt geht es bei den Sendungen nicht nur direkt um das Kochen selbst. Da tummeln sich Gameshows, Reality Shows und besagte Vorkochsendungen. In der ARD z.B. kocht Tim Mälzer, im ZDF Steffen Henssler, Frank Rosin und eine ganze Riege von Sterneköchen in gleich mehreren Sendungen, VOX lässt gerne Promis gegeneinander oder gegen Spitzenköche kochen, oder lässt wie RTL und RTLII Restaurants aus der Krise herauskochen und diese Liste ist nicht einmal vollständig.
Natürlich essen wir alle, und viele sogar gerne, aber was macht kochen im Fernsehen so interessant, wenn die für das Essen wichtigsten Sinne über dieses Medium gar nicht ansprechbar sind? Der Zuschauer kann die Gerichte weder riechen, noch schmecken oder deren Konsistenz ertasten. Und der sich einstellende Appetit wird wohl in einer abendlichen Kochshow eher durch den Griff zur Chipstüte oder anderen Snacks gestillt, als durch eine zubereitete Mahlzeit.
Wahrscheinlich sind die Gründe vielschichtiger, als man zuerst vermuten mag. Der Eine wird vielleicht tatsächlich Anleitung und Rat suchen, der Andere ist vielleicht von denen zum Teil extrovertierten Persönlichkeiten angetan und der Dritte will B-Promis beim Verlieren beobachten oder erfreut sich an den Katastrophenrestaurants der Reality-Shows.
Die Inflation scheint aber auf ihrem Höhepunkt angekommen zu sein und es steht zu befürchten, dass die meisten Formate das selbe Schicksal ereilen wird, das auch die ganzen Talk- und Gerichtsshows dahingerafft hat. Auch wenn einige Formate schon einige Jahre auf dem Buckel haben.
Das wäre alles ja auch keine Erwähnung wert, wenn es nicht immer mehr Menschen gäbe, die in ihrer Küche noch nie gekocht haben, immer mehr Kinder gäbe, die denken Pizzas wüchsen verpackt auf Bäumen und es immer mehr Convenience Produkte gäbe, die einem nicht gerade das Wasser im Mund zusammen laufen lassen. Wie passen vorpanierte Schnitzel für den Toaster in die mediale Kochbegeisterung? Es liegt nahe anzunehmen, dass allzu häufig der Appetit, der durch die Kochsendungen geweckt wurde, durch Fertigfutter gestillt wird. Es ist schon kurios, dass die Wahl im Supermarkt immer noch auf das 2-Euro Hühnchen fällt, während im TV qualitative hochwertige Grundprodukte gepredigt werden.
Ich mag mich irren, aber der Verdacht drängt sich auf, dass selbst bei Nahrung die mediale Berieselung als Substitut des eigenen Erlebens herhalten muss. Es bleibt zu hoffen, dass wir nicht eine weitere Passiv Form für das Verb Essen erfinden müssen: Nämlich „beessen werden”.
Peter Brandt
