Erweiterte Suche

Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie

Sei lieb, mein Kind, sonst holt Dich die Krise

carousel_sEndlich haben unsere Politiker, Wirtschaftsweisen und Unternehmer die Universalausrede, den Wolpertinger, die eierlegende Wollmilchsau der Phrasendrescherei gefunden: „Die Krise ist schuld.”

Unlängst beklagte Gregor Gysi, wie ich meine zu Recht, die starke Zunahme der prekären Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland. Seien es befristete Verträge, Minijobs oder auch Zeitarbeitsverträge. Schuld daran sei, so wurde entgegnet: Die Krise. Dass diese Änderung am Arbeitsmarkt bereits seit Einführung von Hartz IV in diese Richtung geht, also weit vor Beginn der Krise, kehrte man unter den Teppich.
So hört man dieser Tage Entscheidungsträger allen Ortens stets dasselbe Liedchen trällern. Die Finanzlage der Kommunen, die Probleme in den Sozialkassen, der überzogene Bundeshaushalt, die Steuersenkungspläne, die Griechenlandmisere und so weiter und so fort seien alle der Krise geschuldet. Lediglich der isländische Vulkanausbruch wurde noch nicht der Krise in die Schuhe geschoben, auch wenn die Morgenpost scherzhaft titelte „Ich dachte, die Isländer hätten gar keine Asche mehr.”

Die Weltwirtschaftskrise hat sicherlich viele Missstände verschärft, andere wurden mitunter sogar erst durch die Krise deutlich. Aber wenn sie auch die Symptome verdeutlicht, so ist sie nicht Ursache aller Krankheit.

Schlimmer noch, während man nun versucht die Nachwirkungen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs einzudämmen, gehen dieselben Spielchen seitens der Finanzwirtschaft wieder von Neuem los. Es darf wieder gewettet werden, altes Spiel, neues Glück. Und statt aus der Vergangenheit zu lernen, konterkariert man die letzte Krise noch, in dem jetzt z.B. Wetten auf das Platzen Griechischer Staatskredite abgeschlossen werden.

Viel wichtiger als nur die Wirkungen der ausklingenden Krise zu besänftigen, wäre dafür zu sorgen, dass nicht die nächste generalstabsmäßig heraufbeschworen wird. Wer und wovon sollen denn zukünftige Rettungsschirme für Banken bezahlt werden? Aus der luxuriösen, kürzlich beschlossenen „Krisenkasse” vielleicht? Nach bisherigen Plänen reicht die gerade mal für das Catering beim nächsten Gipfeltreffen.
Wir, d.h. unsere Weltwirtschaft muss wieder zurecht gerückt werden. Diese unsägliche Kluft zwischen Kapitalmarkt und produzierender Wirtschaft muss verjüngt, wenn nicht gar geschlossen werden. Fragen Sie sich doch mal, was Geld eigentlich ist, oder vielmehr war. Die Idee war ein universelles Tauschmittel zu schaffen, das dann gegen Waren und Dienstleistungen eingetauscht werden kann, damit wir nicht mit Werkzeug oder einem halben Schwein auf dem Rücken zum Nachbarn kriechen müssen. Heute ist Geld selber eine Ware, wenn nicht gar für viele schon Sinn stiftend. Die Summen, die auf den Kapitalmärkten bewegt werden, finden sich weder in Realität wieder, noch kann jemand in solchen Mengen konsumieren. Es kann also nur um einen abstrakten Wettstreit gehen, nur dass die, die nicht auf diesem Karussell mitfahren, die Billets bezahlen müssen. Das ist, verzeihen Sie, „Penisvergleich” auf unterstem Niveau.

Stellen Sie sich die Anfänge der Kapitalmärkte vor: Ein Bauer mit 6 Schweinen möchte gerne einen größeren Stall für 12 Schweine bauen. Um dies zu realisieren, benötigt er fremdes Geld und verkauft so einen Anteil an seinem Hof einem reichen Nachbarn. Von dem Wachstum des Hofes profitieren in Zukunft dann der Bauer und der Nachbar, als Partner.

Heute würde der reiche Nachbar seine Anteile veräußern, andere beginnen Wetten darauf abzuschließen wie viele Schweine im Zuge einer Krankheit gekeult werden müssen, wieder andere verkaufen Anteile an dem Anteil mit er Prognose, dass der Bauer in Zukunft bestimmt viel mehr Schweine haben wird. Am Ende des Tages, gibt es auf dem Papier 60 Schweine, im Stall stehen aber mitunter weiterhin nur 12.

So wichtig und richtig es war, „systemrelevante Banken” zu retten, Arbeitsplätze zu sichern und die Unternehmen durch die Krise zu begleiten, so wichtig und richtig wäre es, die Weltwirtschaft jetzt vor den Zockern an den Märkten zu schützen. Und wenn unsere Regierung es schafft etwas Ordnung in das Casino zu bringen, darf sie meinetwegen auch weiterhin die Krise für alle politischen Versäumnisse in Mithaftung nehmen.

Peter Brandt (Dienstag, der 20. April 2010 / 09:10) | 3 Kommentare | Permalink

Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie

Strahlende Aussichten

radioaktiv

Wie sich der Tagespresse entnehmen lässt, hat der amerikanische Präsident B.Obama zum Gipfeltreffen geladen. Das Ziel ist es die Sicherheit in Anlagen, die spaltbares, radioaktives Material herstellen zu verbessern und Kontrollmechanismen einzuführen. Dies soll angesichts von über 1500 Diebstahlfällen der letzten 10 Jahre auch in Zukunft verhindern, dass Terrorgruppen in die Lage kommen konventionelle oder schmutzige Atomwaffen herzustellen.

Gleich vorweg, das Ansinnen ist sinnvoll und löblich. Wenn auch die Mengen der erbeuteten radioaktiven Materialien, nach Expertenmeinung, noch sehr gering sind, so kann ein Eingreifen gegen diese Verbrechen gar nicht früh und drastisch genug geschehen.
Ebenso löblich, ist der just geschlossene Vertrag, in dem sich Russland und USA verpflichten 30% ihrer atomaren Sprengköpfe abzurüsten, auch wenn der Vertrag bereits 10 Jahre auf Halde lag. Erfreulich sind auch die Ankündigungen der Ukraine, sich von ihrem Atomwaffenarsenal zu verabschieden. Lauter Hoffnungsschimmer also?

Leider nicht nur. Denn neben den Staaten die einst den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet haben, gesellen sich Länder, die jetzt in Zeiten, wo die meisten Staaten versuchen sich dieser Altlast zu entledigen, selber welche zu erlangen bemühen oder den Besitz nicht weiter kommentieren.

Da wären Indien und Pakistan, die zwar über Atomwaffen verfügen, aber das Abkommen nicht unterzeichnet haben. Israel, das nie zugegeben hat Atomwaffen zu besitzen, aber aller Wahrscheinlichkeit dennoch über eben solche verfügt. Korea, das den Sperrvertrag aufgekündigt hat. Und zu guter letzt, der Iran, der scheinbar versucht in den erlauchten Kreis der Atommächte aufzusteigen.
Insbesondere der Iran, Pakistan, Israel und Korea dürfen als Sorgenkinder angesehen werden. Die politische Lage in diesen Ländern ist alles andere als stabil. Sollte eines Tages die Lage in Pakistan zu Gunsten der der Islamisten kippen, oder der Iran tatsächlich in den Besitz von Atomwaffen gelangen, gerät die jetzt schon wackelige Situation der gesamten Region ins Wanken. Irans Staatsoberhaupt hat schon häufiger gedroht, Israel zu vernichten, und welche Vergeltung die Israelis einem solchen Angriff entgegenhielten kann man sich selbst mit wenig Fantasie selber ausrechnen.

Desweiteren haben alle diese Staaten gemein, sich um internationale Abkommen des Öfteren nicht zu scheren. Und wieder braucht es nicht allzu viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, wen der Iran oder ein islamistisches Pakistan, unter der Hand, mit radioaktivem Abfall versorgen würde.

Es ist eine Tragödie, dass jeder vernunftbegabte Mensch, der über die Verheerungen, die diese Waffen anrichten aufgeklärt wird, sofort für deren Abschaffung plädieren würde, aber die Weltgemeinschaft, es nicht schafft dieses Damoklesschwert loszubinden. Und letztendlich bleibt den Völkern und Menschen unserer Welt nur die Hoffnung, die Sting einst ähnlich besungen hat:
„How can I save my little boy, from Oppenheimer‘ s deadly toy. Believe me, when I say to you, I hope the ‘others’ love their children, too.”

Peter Brandt (Dienstag, der 13. April 2010 / 10:43) | 6 Kommentare | Permalink

Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie

Das DSDS Phänomen

microphone

Seit Wochen fiebern Millionen Menschen samstagabends wieder einmal bei dem deutschen Minnesängerturnier rund um Hofkapellmeister Dieter Bohlen mit. Bereits zum siebten Mal schmettern und tanzen Nachwuchsbarden, um die Gunst des Fernsehvolks in der Mutter der Castingshows „Deutschland sucht den Superstar”, oder kurz „DSDS”. Und wie jeden Samstag schafft es RTL über 30% der „werberelavanten” Zielgruppe, der 14 - 49 Jährigen und zwischen 5 und 7 Millionen Zuschauer anzulocken. Somit ist selbst denen, die das Format nicht verfolgen nun klar wer der Sieger an diesem Samstag war: RTL.

12 Minuten jeder Stunde dürfen Privatsender hierzulande Werbung ausstrahlen, und die Reichweite des umgebenen Programms bestimmt dabei den Preis. D.h. je populärer die Sendung, desto höher der Preis. Es liegt also nahe ein erfolgreiches Sendeformat möglichst lange die Bildschirme erhellen zu lassen. Und an dieser Stelle macht RTL keiner etwas vor.

Ich hatte das Glück, diese Woche an der Verkündung des Telefonvotings teilhaben zu dürfen, und dort offenbarte sich dann auch das rechnerische Kalkül der Sendungsmacher. Sie kennen bestimmt den „TED” bei „WETTEN DASS!”, lustig tanzende Balken in einem Diagramm, die dann mit einem mal verharren und so den Sieger des Wettstreits verkünden. Nicht so bei DSDS. Dort drischt ein blasser langweiliger Moderator langsam im Sekundenstil, mit ellenlangen Wortpausen, leere Worthülsen vor einem kreischenden Publikum, das scheinbar die Schmerzen ebenso wenig ertragen kann, wie der geneigte Couchkritiker. Dieser Vorgang dauert dann über 20 Minuten, und wird selbstredend durch Werbung verkürzt. Die Dehnung dieses Sendungsteils bis über die intellektuelle Schmerzgrenze hinaus hat natürlich Methode. Wer jetzt bereits Stunden seinen Lieblingen zugehört hat, wird natürlich auch die Werbung brav erdulden, um nicht am Ende doch noch ohne die erlösende Information, wer Opfer des K.O. Systems geworden ist, zu verpassen. RTL gelingt es aus acht Liedern alleine am letzten Samstagabend 2 Stunden und 15 Minuten Programm zu machen. Die Show an sich dauert 105 Minuten, die Entscheidung 30 Minuten, beides brutto inklusive Werbung.
Wer jetzt staunt, braucht nur einmal durch die Programmzeitungen zu blättern und erkennt schnell, dass das nur der Anfang ist. Zu den genannten Hauptsendungen gesellen sich erst einmal die Wiederholungen am Folgetag. Unter der Woche läuft dann noch vier Mal „DSDS das Magazin” auf RTL, sowie SRTL, natürlich auch zum Teil mit Wiederholung am Folgetag. In den Magazinsendungen befreundet RTL die Kandidaten mit dem Publikum, spinnt Verschwörungen und Skandälchen. Immer schön mit 12 Minuten Werbung je Stunde. Insbesondere die Magazinsendung schlägt dabei doppelt positiv zu Buche, da die Produktionskosten dafür aus der Portokasse bestritten werden können.

Und da bekanntlich aller guten Dinge drei sind, und um den Sack zu zumachen lässt die Sendergruppe um RTL es sich nicht nehmen, in ihren sonstigen Magazinen, Nachrichtenshows etc. nochmal Beiträge aus den DSDS Magazinsendungen und Shows zu verwerten, so dass selbst Zuschauer, die die Reihe nicht verfolgen, aber dann und wann RTL einschalten, den Umsatz des Formats erhöhen. Nicht erwähnenswert, dass die Kosten für diese „News” gegen Null laufen, und vielmehr einer Eigenwerbung gleichen, die RTL aber redaktionell verpackt.

Über 10 Stunden Programm quält der Sender, wie bereits erwähnt, so aus derzeit 8 Liedern, anders ausgedrückt über 2 Stunden Werbung. Diese Verwertungsstrategie muss man den Verantwortlichen erst einmal nachmachen. Ein Bauer müsste schon Milchschaum aus den Zitzen einer ausgemergelten Kuh pressen, um einen ähnlichen Rohertrag zustande zu bringen.

Von den Zusatzeinnahmen durch die Bohlschen Kompositionen, den Verträgen mit den späteren „Stars”, sowie Online- und Printgeschäft haben wir dabei nicht einmal gesprochen. Wen wundert es, dass Dieter Bohlen Betriebswirtschaft und nicht Musik studiert hat…

Peter Brandt (Dienstag, der 6. April 2010 / 09:28) | 1 Kommentar | Permalink

Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie

Alle Jahre wieder, Millionen zu Tränen gerührt…

springDie Frühlingssonne zeigt sich, die ersten Blüten treiben aus und die Serotonin-Ausschüttung sorgt für Glücksgefühle bei den Menschen. Aber nicht bei allen Menschen. Denn mit den Frühblühern, beginnen auch manche Menschen regelrecht an zu blühen - Allergiker. Die Apotheker reiben sich hoffnungsvoll die Hände und stocken ihre Vorräte an Antihystaminen auf.

Für Betroffene bedeutet das, dass der jährliche Spießrutenlauf begonnen hat, will man Symptome wie tränende Augen, triefende Nasen, Juckreiz und Schwellungen an Schleimhäuten vermeiden.

Die Zahl derer, die an derlei Problemen leiden, steigt beständig. Gründe hierfür mögen die zunehmende Umweltbelastung, aber auch die Sterilität unserer Wohnumgebung sein. So treten Allergien gegen Gräser, Pollen und Haustiere bei der Landbevölkerung deutlich seltener auf.
Der Frühling ist quasi die allergene Großoffensive. Mit der Blüte beginnt der Pollenflug, die Tiere haben Fellwechsel, stechende Insekten fliegen aus und selbst die gemeine Milbe hinterlässt ihren Unrat lieber bei Temperaturen jenseits der 20°C und hoher Luftfeuchtigkeit.

Ursache der Misere ist eine Überempfindlichkeit des Immunsystems. Dieses reagiert auf vermeidlich harmlose Allergene. D.h. es werden wie bei einer tatsächlichen Infektion Antikörper aktiv, die sich durch die Fehlinterpretation auf harmlose Antigene stürzen. Für den Menschen bedeutet das, dass er mit entzündungsähnlichen Symptomen zu kämpfen hat. Insbesondere die Haut und unsere Schleimhäute reagieren spürbar heftig. Heuschnupfen und Nesselsucht sind dabei wohl die populärsten Erscheinungsformen, obwohl die Abwehrreaktion bis hin zu asthmatischen Beschwerden führen kann. Zumindest gilt dies für den Bereich der durch die Haut und Atemwege aufgenommenen Allergene. Schlimmer noch trifft es Menschen mit Insektengift oder Nahrungsmittelallergien. Durch die hohe Konzentration und die unvermittelte Aufnahme, führen diese nicht selten zu einem sogenannten anaphylaktischen Schock. Die damit einhergehende Atemnot kann im schlimmsten Fall sogar mit dem Tod enden.

Wichtigste Waffe im Kampf gegen die eigene Allergie ist der Allergietest, meist der bekannte Pricktest. Dabei wird die Haut leicht mit einem Instrument angeritzt und mit unterschiedlichen Allergenen benetzt. Aus der Hautrektion kann der Dermatologe ein Profil ableiten, das dem Patienten zeigt vor welchen Einflüssen er sich tunlichst hüten sollte.

Ist die Vermeidung unmöglich kann die Gabe von Antihystaminen helfen, die die Abwehrreaktion des Körpers zu dämpfen vermögen. Leider führen diese Präparate bei vielen Menschen zu einer verstärkten Müdigkeit. Bei akut auftretender Nesselsucht können auch Gels, wie man sie gegen Mückenstiche einsetzt Linderung verschaffen. Geht die Nesselsucht mit einem offenen Ekzem einher hilft oft nur noch die Gabe kortisonhaltiger Cremes oder Salben. Kortison, ein Nebennierenhormon ist für viele Allergiker, trotz seiner Nebenwirkungen, ein Gralsbringer. Und insbesondere in drastischen Krankheitsverläufen ohne Alternative.

Ein längerfristiges Verfahren ist die Desensibilisierung, eine Therapie bei der der Patient stetig steigenden Dosen der für ihn Problematischen Substanzen ausgesetzt wird, um die Toleranzschwelle des Körpers durch Gewöhnung positiv zu beeinflussen.
Allergien können in jedem Alter zum Vorschein kommen. Selbst wenn Sie bisher noch nie Symptome an sich beobachtet haben, bedeutet dies nicht, dass dies auf ewig so bleibt.

Wenn Sie an sich oder Ihren Kindern allergische Reaktionen beobachten gehen zum Arzt. Versuchen Sie gezielt darauf zu achten welche Auslöser sie für die Symptome finden. Schauen Sie nach Kreuzallergien. Wenn Sie zum Beispiel Probleme mit ungeschälten und rohen Äpfeln, sowie beim Verzehr von Erdbeeren haben lässt dies den Verdacht zu, dass Sie eine Buchenallergie haben, da es große Ähnlichkeiten bei deren Allergenen gibt. Und auch, wenn mir dies sonst zuwider ist, halten Sie Ihre Hausapotheke befüllt.

Ansonsten wünsche ich Ihnen und mir dennoch einen schönen Frühling, anders gesagt „Augen zu und durch”.

Peter Brandt (Dienstag, der 30. März 2010 / 09:35) | Keine Kommentare | Permalink

Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie

Von einer, die auszog eine KiTa zu gründen

musikkinderkartenWir schreiben das Jahr 2009 und befinden uns in Leverkusen am Rhein. Die beiden Frauen Barbara Lieske und Babette Horn haben den Entschluss gefasst, ihre Stadt um einen Kindergarten zu bereichern. Nicht irgendein Kindergarten sollte es werden, sondern einer der sich insbesondere der musischen Früherziehung der Kinder widmet. Eine leer stehende Einrichtung, die zuvor noch nie in Betrieb gegangen war wurde aufgetan und eine Elterninitiative gegründet. Der Musikkindergarten Leverkusen war geboren.

Leider endet die Märchenhaftigkeit der Geschichte just an dieser Stelle. Wenn auch das Wehklagen über den Mangel an Kinderbetreuungsplätzen in diesem Land groß ist, so lässt dies nicht den Umkehrschluss zu, dass Kommunalpolitiker und Verwaltung alles daran setzen würden diesen Mangel tatsächlich beseitigen zu wollen.

Der besagte Kindergarten in Leverkusen liegt in unmittelbarer Nähe zu einem Spielplatz und einem keinen Waldgebiet. Er verfügt über Gruppenraum, Turnhalle, Küche, Schlafraum, Wickelzimmer und ein 220qm großes Außengelände. Nicht zu erwähnen, aber dennoch nicht unwesentlich, dass sich die Einrichtung nur an Fachkräften bediente.

kitaklettergerustKurzum, das einzige was dieser KiTa fehlte, war eine Betriebserlaubnis. Die gute Nachricht ist, dass eine Betriebserlaubnis nach viel hin und her auch gewährt wurde, aber nicht für den Betrieb eines Kindergartens, sondern für den Betrieb einer Kindertagespflege.
Gut, mag man sich denken, das mache doch keinen allzu großen Unterschied, oder? Und bedauerlicherweise ist der Unterschied gewaltig. Zum einen bedeutet dies, dass nur in etwa ein Drittel der Plätze angeboten werden dürfen, und zum anderen, dass Eltern, die Kinder im Kindergartenalter haben, auf den Betreuungskosten alleine sitzen bleiben. Ein Schelm, wer böses dabei denkt…
Die Begründungen für die Ablehnung einer Betriebserlaubnis als Kindergarten könnten fadenscheiniger kaum sein. Das ansässige Jugendamt beklagte zum Beispiel die nicht verkleideten Heizungsrohre, an denen sich Kinder verletzen könnten. Das klingt im ersten Anschein auch plausibel, nur, dass diese Rohre in einer Höhe von 2.90m! verlaufen. Zur Erinnerung, es geht um einen Kindergarten, nicht um eine Verwahrstation für ehemalige Basketballspieler. Ein weiterer Punkt, den Reiner Gurk, Leiter des Jugendamts ins Feld führte, ist das um 80qm zu kleine Außengelände. Angesichts der Tatsachen, dass es in derselben Stadt Kindergärten gibt, die über gar kein eigenes Außengelände verfügen und dass dieser Kindergarten geeignete weitere Spielflächen in unmittelbarer Umgebung hat, mag man auch dieses Argument nicht recht nachvollziehen. Hinzu kommt, dass dem Jugendamt angeboten wurde, den überdimensionierten Parkplatz zu verkleinern, um das Außengelände vergrößern zu können.

Ab Sommer 2013 werden Eltern ein einklagbares Recht auf einen Kindergartenplatz haben, und Leverkusen hängt in der Schaffung neuer Betreuungsangebote ebenso wie viele andere Kommunen hinterher. Anstatt aber Elterninitiativen zu unterstützen und zu stärken, schmeißt man ihnen kadaverweise tote Amtsschimmel in den Weg. Da nützen auch die unwahren Pressebekundungen, dass sowohl der alte wie auch neue Oberbürgermeisters sich der Sache angenommen hätten nicht weiter.
Gibt es den Herren des Stadtrats nicht zu denken, dass oben beschriebene Einrichtung ausgebucht ist, und sogar über eine Warteliste verfügt, obwohl es keine Kostenübernahme für Ü3 Plätze gibt? Nein, natürlich nicht. Man schiebt den schwarzen Peter zum Landesjugendamt, und betont man könne da gar nicht anders handeln. Dann darf aber die Frage gestellt werden, warum dieselben Probleme bei städtischen Kindertagesstätten nicht zum Tragen kommen.

Wie dem auch sei. Der Musikkindergarten streicht die Segel und zieht mit Mann und Maus in die benachbarte Blumenstadt Leichlingen, in der Hoffnung, dass sich vielleicht deren Volksvertreter und Verwalter ihrer tatsächlichen Aufgabe bewusst sind. Leverkusen indes verliert zum Bedauern der Elternschaft ein wirklich engagiertes Betreuungskonzept, und sucht „nach geeigneten Bauarealen”, um die 100 Betreuungsplätze schaffen zu können, die selbst nach Abschluss aller derzeitigen Bauvorhaben noch fehlen werden. Willkommen bei den Schildbürgern…

Peter Brandt (Dienstag, der 23. März 2010 / 09:01) | 4 Kommentare | Permalink

Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie

Satz heiße Ohren gefällig?

horspielKennen Sie David Nathan, Lutz Riedel, Björn Schalla, oder Joachim Kerzel? Wie steht es mit Bianca Krahl, Frank Glaubrecht, Till Hagen oder Oliver Rohrbeck?

Den einen oder anderen werden Sie vielleicht mal im Abspann eines Films gesehen haben, oder durch Theater- bzw. kleinere Fernsehrollen kennengelernt haben. Aber diese Leute sind Stars. Stars einer wachsenden Fangemeinde, denn neben ihrer Tätigkeit als Synchronstimmen für Hollywoodstars, abreiten sie als Sprecher in diversen Hörspielserien.

Hörspiele mögen Sie jetzt denken, kenne ich nur als Einschlafhilfe aus meiner Kindheit oder für meine Kinder. Aber das stimmt so nicht mehr.
Natürlich erfreuen sich die Figuren von Elfie Donelly weiterhin in deutschen Kinderzimmern größter Beliebtheit. Schließlich stammen aus ihrer Feder Figuren wie Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg und jüngst auch Elea Eluanda. Und auch Reihen wie TKKG, Die 5 Freunde, und vor allem die Drei ??? sind dort kaum wegzudenken, wobei letztgenannte eine Sonderstellung einnehmen.

Die Drei ??? sind eine andauernde Erfolgsgeschichte. Seit über 30 Jahren, mit beinahe 140 Folgen und Millionen verkauften Tonträgern, waren sie lange Zeit der einzige Leuchtturm im Hörspielmarkt, nachdem dieser Anfang der 90ger in sich Zusammenbrach. Die Drei hatten es geschafft ihre kindlichen Hörer mitzunehmen, und neue dazuzugewinnen. Selbst die zeitweise Umbenennung in Die Drei, die aus einem Rechtsstreit zwischen BMG und dem Kosmosverlag resultierte, konnte der Serie nicht dauerhaft schaden. Der Rest des Erwachsenenmarkts schlief ein. Bis…

Bis ein junger Mann namens Oliver Döring diesen Zustand kippte. Mit der Hörspielreihe John Sinclair 2000 zog ein neuer Qualitätsmaßtab in die Hörspielwelt ein. Der Begriff vom „Kino für die Ohren” wurde geboren. Bekannte Synchronsprecher und filmreife Musik wie Klangeffekte zogen, trotz der dümmlichen Geschichten, etliche neue Hörer in ihren Bann. Der Erfolg dieser Reihe rief eine Vielzahl von neuen Labeln und Reihen auf den Plan. Binnen weniger Jahre war so ein Hörspielmerkt entstanden, der beinahe für jeden Geschmack etwas zu bieten hat.

Die wichtigsten Serien, habe ich ganz subjektiv, im Folgenenden, für Sie zusammengefasst:

johnJohn Sinclair 2000 / Lübbe Wortart
Genre: Horror Regie: Oliver Döring Sprecher: Joachim Kerzel, Frank Glaubrecht u.a.
> 50 Folgen, diverse Special Editions
Die geschickte Inszenierung und die Spielfreude der Akteure vermag über ein paar Folgen von der stereotypen Grundidee ablenken, auf Dauer gibt es aber bessere Reihen.

eingebunden mit Embedded Video

eapEdgar Allan Poe / Lübbe STIL
Genre: Horror, Drama, Fantastik Regie: Simon Bertling und Christian Hagitte Sprecher: Ulrich Pleitgen, Iris Berben, Till Hagen u.a.
> 30 Folgen Cover Artwork: Simon Marsden
In einer freien Rahmenhandlung, um einen Ich-Erzähler, der nach einer Amnesie auf der Suche nach seinem alten Selbst ist, werden höchst geschickt die Erzählungen des berühmten Autoren in die Serie eingearbeitet. Diese Serie ist ein Highlight. Die eindringliche Sprechweise Ulrich Pleitgens, aber auch die Musik, die übrigens von den Regisseuren selber stammt, und mit einem Orchester aufgenommen wurde, schlagen den Hörer sofort in Bann.

eingebunden mit Embedded Video

perryPerry Rhodan Sternenozean / Lübbe STIL
Genre: Science Fiction Regie: Regie: Christian Hagitte und Simon Bertling Sprecher: Joachim Höppner, Volker Lechtenbrink, u.a.
30 Folgen
Obwohl es sich hier auch um die Umsetzung einer Groschenromanreihe handelt, kommt Perry Rhodan weitaus klüger und charmanter aus den Boxen als John Sinclair. Wenn mich auch die plastilinen Namen und pseudotechnischen Begriffe stören, so kann ich diese Serie SF Fans dennoch nur empfehlen.

caineCaine / Lausch
Genre: Krimi, Thriller, Science Fiction Regie: Günter Merlau Sprecher: Torsten Michaelis u.a.
10 Folgen
Die Geschichte handelt von einem Auftragskiller, namens Caine, der kurz vor seiner Hinrichtung von Außerirdischen entführt wurde. Diese Serie ist laut, witzig, brutal, kurios, aberwitzig und hat als einzige mir bekannte Hörspielreihe einen Schurken als Protagonisten. Der Serie liegt ebenfalls eine Romanreihe zu Grunde, aber Lausch hat daraus ein Kunstwerk geschaffen.

eingebunden mit Embedded Video

dieschwarzesonnedasschlossderschlangeDie Schwarze Sonne / Lausch
Genre: Fantastik Regie: Günter Merlau Sprecher: Christian Stark , Achim Schülke u.a.
9 Folgen
Die Reihe nach einem Buch von Bram Stoker, ist nichts für nebenbei, oder als Einschlafhilfe. Zu komplex sind die Sprünge in der Zeit, die traumhaften Sequenzen zu surreal. Aber diese Serie zeigt, dass das Medium Hörspiel, zu mehr in der Lage ist, als eine Stunde Hintergrundrauschen zu liefern.

gabriel_burnsGabriel Burns / Universal
Genre: Horror, Fantasy Regie: Volker Sassenberg Sprecher: Jürgen Kluckert, Bernd Vollbrecht, Ernst Meincke u.a.
> 30 Folgen
Eine Mystery Serie, mit herausragenden Sprechern, wunderschönem Soundtrack und Soundeffekten der Luxusklasse. Der Taxifahrer Steven Burns, gerät in eine Zwielichtige Geschichte, in der es schlussendlich um nicht weniger, als das Ende der Welt, wie wir sie kennen geht.

Eine sehr gute Serie, wenngleich man in den letzten Folgen den Eindruck gewinnen konnte, dass selbst die Produzenten der Serie, nicht genau wissen, wie die Geschichte weitergeht. Dies wird leider durch das stark reduzierte Erzähltempo deutlich.

eingebunden mit Embedded Video

gruselkabinettGruselkabinett / Titania Medien
Genre: Horror, Mystery, Fantastik, Drama Regie: Marc Gruppe: Sprecher: David Nathan u.s.v.a
> 35 Folgen

Diese Serie produziert Meilenstein, um Meilenstein. Marc Gruppe nimmt sich von Folge zu Folge eine andere literarische Vorlage zur Brust, und schafft es mit herausragenden Sprechern, fast jedes mal ein glänzendes Einzelhörspiel abzuliefern. Hervorzuheben ist vor allem die Treue zur literarischen Vorlage. Ich hätte nie gedacht, dass man z.B. aus Apel’s Freischütz ein packendes Hörspiel machen könnte. [youtube ZkjgCzeqgC0 Hörprobe]

eingebunden mit Embedded Video

YouTube Direktnolink

lordSonderfall Maritim
Maritim, ist ein Hörspiellabel, das derart viele Reihen in der Mache hat, dass das einzelne Aufzählen, den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Deshalb habe ich meine Lieblinge hier einmal zusammengefasst.
Regie: Andreas Masuth u.a
Sprecher: Christian Rode, Peter Groeger, Volker Brandt, Torsten Münchow, Philipp Bramer, Melanie Manstein, Dagmar Dempe, Mogens von Gadow, Michael Mendl, Susanne Meikl, Pascal Breuer, u.a.
Serien:
Der Wundersame Lord Atherton - Sehr schöne Reihe im Jules Verne Stil.
Sherlock Holmes - Die Geschichten von Arthur Conan Doyle, liebevoll in Szene gesetzt.
Danger - Gute Science Fiction Geschichten, alle als eigenständiges Hörspiel angelegt.
Preston Aberdeen - Witzige und charmante Reihe, um einen einfältigen Kurier, der in allerlei aberwitzige Abenteuer gerät.

Auch wenn Martim of Musik aus der Konserve bemüht, und fast immer auf die selben Sprecher zurückgreift, so sind manche Produktionen wahre Perlen, die sich in ihrem Unterhaltungswert nicht vor den teureren Produktionen verstecken zu brauchen.

eingebunden mit Embedded Video

Es gibt noch etliche weitere Serien, sei es Lübbe’s Apothekerin, Universal’s Abseits der Wege, Lausch’a Punktown, oder die fantastischen Einzelhörspiele von Ripper Records, insbesondere Arthur Conan Doyle’s Vergessene Welt. Mein aktuelles Lieblingshörspiel ist übrigens „Die Vatikanverschwörung” nach Kai Meyer, also halten Sie die Ohren offen.

Peter Brandt (Dienstag, der 16. März 2010 / 12:29) | Keine Kommentare | Permalink

Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie

Kopfgeldjäger und Pauschalpolitik

Gesundheit und Geld

Es scheint, dass Westerwelle, Rösler und ihre FDP nun Ernst machen wollen, und die Überführung der Gesetzlichen Krankenversicherung in ein prämiengestütztes System, wie es der Koalitionsvertrag vorsieht, vorantreiben. Der CDU und noch mehr der CSU, will das gar nicht mehr zusagen, was man da so in den Vertragsverhandlungen bei der Traumhochzeit zwischen Schwarz und Gelb unterschrieben hat. Und nun geistert neben den Streitigkeiten auch noch das böse Schreckgespenst namens „Kopfpauschale” durch die Gazetten.
In Talkshowrunden quer durch die Sendeanstalten, finden sich prompt die üblichen Verdächtigen, Rösler, Bahr, Lauterbach, Höhn und Söder, um nur einige zu nennen.

Dem Zuschauer, egal welches Gesundheitsmodell er auch präferiert, fällt schnell das Eine auf: Hier wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Und die, die nicht lügen, verschweigen die Hälfte.

Die Gegner warnen, dass das System nicht finanzierbar sei, die Befürworter halten dagegen, dass schon jetzt Milliarden in den Tiefen des Gesundheitssystems versacken. Darauf schießen die Gegner zurück, dass das System dadurch unsozial werde, woraufhin die Reformer auf den Gesundheitsfond verweisen. Dieser Hickhack zieht sich dann meistens bis zur Grußformel am Ende der Sendung fort.
Wenn es der Wahrheitsfindung dient, möchte man sagen. Dient es aber nicht…

Was also steckt hinter der so beschimpften „Kopfpauschale”? Der Plan sieht vor unser derzeitiges Finanzierungsmodell, das (zumindest in großen Teilen) paritätisch durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer getragen wird, in ein einheitliches Prämienmodell schrittweise zu überführen. Gründe für dieses Vorhaben seien der demografische Wandel und die Entlastung der Arbeitskosten. Menschen, die diese Prämie nicht leisten können, sollen Hilfe aus dem Steuertopf erfahren. Die soziale Komponente soll, also durch die Einkommensteuer Einzug in das System finden.
Klingt doch gar nicht so schlecht, mag sich der geneigte Leser denken. Insbesondere die Entlastung des Faktors Arbeit ist ein stets beliebtes Totschlagargument. Dann muss die Prämie aber hoch ausfallen, wenn sowohl Arbeitgeber-, wie auch Arbeitnehmeranteil ersetzt werden sollen. Mitnichten, von 140 - 150 € ist die Rede. Der derzeitige Höchstsatz liegt übrigens bei 296 €, also knapp 600 € zusammengerechnet. Diese Höchstsatzzahler könnten natürlich auch zu einer privaten Krankenkasse wechseln, aber rund 2 Millionen Versicherte in Deutschland haben dies nicht getan. Mal für Milchmädchen: 12 (Monate) * 450 (Betragsverlust) * 2.000.000 = 10,8 Milliarden, die dem System sofort entzogen würden, die ganzen Sätze dazwischen einmal außen vor gelassen.

Geschätzt werden rund 20 Millionen Deutsche die Prämie nicht, oder nicht ganz selber tragen können. Deshalb gehen Rechnungen von einer Haushaltsbelastung zwischen 11 und 30 Milliarden aus. Da jetzt bereits ohne Kopfpauschale rund 16 Milliarden in das Gesundheitssystem fließen, sind diese Zahlen nicht wirklich ein Schock. Die soziale Komponente hingegen hat einen dicken Pferdefuß. Es ist wahr, dass durch den Gesundheitsfond, Praxisgebühr, Deckelung des Arbeitgeberanteils und Zuzahlung bei Arzneimitteln, die Parität schon längst das Zeitliche gesegnet hat. Wahr ist aber auch, dass es schwer zu vermitteln ist, dass die Reinigungskraft mit 800€ im Monat, die selbe Prämie wie der Nutzer des Büros mit vielleicht 4500 € im Monat zahlen soll. Das Argument, dass dies über die Einkommensteuer geregelt werden soll, will angesichts der Steuerpolitik und der absoluten Zahlen nicht einleuchten. Fragen wir das Milchmädchen noch einmal: Ein Spitzenverdiener mit einem Steuersatz von 42% und einem Eigenanteil von 296 € Krankenkassenbeitrag, der dann in Zukunft nur noch 150 € Gesundheitsprämie zahlt, spart monatlich 146 €, Punkt. Eine Anpassung der Steuern, um dies abzufedern, ist nicht geplant und seitens der FDP auch kaum zu erwarten. Viel mehr noch. Die hinten anstehende Debatte den Steuerbauch zu entfetten, wird zu weiteren Einnahmeverlusten führen. Die berechtigte Sorge, dass in Zeiten schwächelnder Haushalte, mehr Leistungen dann im Gesundheitssystem zurückgefahren werden, ist also berechtigt.
Grundsätzlich gibt es kein sachliches Argument gegen ein Prämienmodell, wohl aber gegen die Ausgestaltung. Bindet man die Finanzierung des Gesundheitssystems an die Einkommensteuer, kann man nicht nur einseitig reformieren. Ebenso müssen die Kosten auf den Prüfstand. Zu viele Krankenkassen, zu teure Kosten für Arzneimittel und fehlende Transparenz im Honorarsystem, um nur einige zu nennen. Wie so oft entscheidet das Klientel der Parteien über das Für und Wider.

Gesundheit und Pflege sind Volkswohl und Volksgut. Dieses sensible Thema darf nicht durch Parteibrillen hindurch betrachtet werden. Hier wünschte man sich wirklich den oft besungenen „Runden Tisch” herbei, der ergebnisoffen, die Zukunft des Systems nicht nur bespricht, sondern auch beschließt, und zwar ohne die Interessen irgendwelcher Lobbys zu achten. Dieses System sollte nur einen Herren kennen: Den Bürger, und zwar den Gesunden, ebenso wie den Kranken.

Peter Brandt (Dienstag, der 9. März 2010 / 09:27) | 7 Kommentare | Permalink

Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie

Eine Geschichte des Verschweigens

kircheHört man dieser Tage hohe katholische Würdenträger, so geht es leider zumeist um die üble Affäre, die aus dem vielfachen Missbrauch, an der Kirche anvertrauten Jugendlichen, entstanden ist.
Um es gleich vorweg zu nehmen, es geht hier weder um den Glauben, noch weniger um Gott.

Die Religionen dieser Welt hatten stets Probleme im Umgang mit den Verfehlungen Ihrer Missionare.
Dies gilt insbesondere für die Katholische Kirche, dessen Oberhaupt selbst unfehlbar diesen Nimbus gerne auf die gesamte Institution überträgt. So wurden weder die Gräueltaten der heiligen Inquisition, die Ränke der mittelalterlichen Weltpolitik, der Ablasshandel, die teilweise blutige Missionierung der Kolonialstaaten, noch das Aussitzen und Stillschweigen während der Nazizeit je richtig aufgearbeitet.
Und während der weltliche Einfluss schwand, kehrte die Kirche zu ihrer Rolle als moralische Instanz zurück. Doch auch hier schaffte sie es nicht in der Neuzeit Akzente zu setzen. Zu unreflektiert, zu dogmatisch und zu weit weg vom Geist der Gesellschaft, schafft sie gerade noch Änderungen im sozialen Gefüge zu verschleppen.

Gerade ihre Haltung zu Themen der Sexualität sorgt für Probleme an allen Ecken und Enden. Das Kondomverbot ruft in Zeiten von Aids und Überbevölkerung die Menschenrechtler und Mediziner auf den Plan, die westlichen Bevölkerungen wissen mit dem Gebot der Enthaltsamkeit bis zur Ehe selten etwas anzufangen, die perverse Haltung gegenüber Homosexuellen, und ganz besonders der Umgang mit diesbezüglichen Verfehlungen im eigenen Haus, treiben weiter Junggläubige in die Hände anderer Konfessionen.

Und jetzt? Waren gerade erst die Wellen verebbt, die die jüngst ans Tageslicht gekommenen Kinder katholischer Geistlicher geschlagen hatten, so scheinbar nur um mit doppelter Wucht erneut gegen die Kirchenfesten zu schlagen.
Die traurigen Geschichten möchte ich gar nicht erneut erzählen, ich denke auch, dass diese in der Presse ausreichend Platz gefunden haben. Erwähnenswert hingegen erscheint mir aber die scheinbare Unfähigkeit der Katholiken ihre Mutter Kirche zu reflektieren, mit dem Rest der Gesellschaft in Dialog zu treten und auch Hilfe anzunehmen. Die Fassade mag noch so glänzen, der morsche Kern ist weithin schon zu riechen.

Gerade in Zeiten der moralischen Orientierungslosigkeit, wäre eine funktionierende Kirche eine wertvolle Instanz zur Bewahrung von Werten, und zwar von denen, die sich über der Gürtellinie befinden. Aber stattdessen wird das Angebot eines runden Tisches, das Justizministerin Leutheuser-Schnarrenberger unterbreitet hatte, beleidigt abgelehnt und die Schuld an der Misere auf die sexuelle Revolution abgewälzt, wenn diese letztere Aussage von Bischof Mixa, auch von der Bischofskonferenz wieder zurückgenommen wurde.
Das Zölibat führt sicher nicht zur Pädophilie, aber es sorgt dafür, dass häufig weltfremde, sexuell Verklemmte oder vielleicht Gläubige, die Angst vor ihrer eigenen Sexualität haben, den Weg in die Glaubensberufe finden. Die Lust, die in uns so natürlich schlummert, wie Hunger oder Durst, lässt sich nicht einfach hinwegbeten, und auch Selbstzüchtigung erscheint auf Dauer als wenig christliches Mittel.

Auch im eigenen Interesse und im Interesse ihrer Mitarbeiter, sollte sich die Katholische Kirche auf den Weg ins 21.Jahrhindert machen, und erkennen, dass das Problem, das die Haltung gegenüber der gesamten Sexualität und das Leugnen dieses natürlichen Verlangens nach menschlicher Nähe, nicht totzuschweigen ist.

Peter Brandt (Dienstag, der 2. März 2010 / 09:40) | Keine Kommentare | Permalink

Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie

Vom Leben abgemahnt

gravenreuthGestern gab es netzweit eine Atempause, denn Günter Freiherr von Gravenreuth hat sich mittels einer Schusswaffe das Leben genommen. Die Trauer will nicht so recht um sich greifen, denn hier starb ein Mann, der wusste wie man sich fast das gesamte Netzvolk zum Feind macht.

Der bekannte und umstrittene Rechtsanwalt war durch die Abmahnungen, gegen Nutzer des Wortes „Explorer” in die Schlagzeilen geraten und hat damit die heute noch greifende Abmahnwelle mit angestoßen. Später dann kamen noch Prozesse gegen Raubkopierer hinzu, die Gravenreuth als Software suchendes Mädchen getarnt in diversen Foren aufgespürt hatte,  Spam-Abmahnungen, auch wenn kein Spam zu finden war oder auch sein Kreuzzug gegen politische Satire Comics, die sich bekannter Figuren bedienten, wie z.B. „Asterix und das Atomkraftwerk”.

Gravenreuth wusste um seinen Ruf und kokettierte auch damit. So versuchte er mehrmals an einem Treffen des Chaos Computer Clubs teilzunehmen, und während er bei seinem ersten Versuch rausgeschmissen wurde, so war beim nächsten Treffen zu beobachten, wie er Dartpfeile auf sein eigenes Konterfeit warf, welches zu diesem Zweck von CCC Mitgliedern aufgehängt worden war.

Mutet diese Anekdote noch komisch an, so war Gravenreuth für die betroffenen Seitenbetreiber oder Hobby-Raubkopierer die Personifizierung des Bösen.

Die Krise um seinen Partner Bernhard Syndikus, der sich selbst in zwielichtige Machenschaften verwickelt hatte, die im FTP-Welt Skandal gipfelten, und in einer Bewährungsstrafe für Syndikus endeten, führte zum Bruch der Partnerschaft. Es scheint ein Hohn, dass ausgerechnet der Partner des selbsternannten Copyright-Wächters, in Dialer und Raubkopiergeschäfte verstrickt war.

Für Gravenreuth selber begann sein berufliches Waterloo mit einer Abmahnung gegen die TAZ. Als die TAZ dann angeblich nicht zahlte, ließ der Freiherr kurzerhand die Domain TAZ.de pfänden und versuchte selbige zu versteigern. Die TAZ stelle Strafanzeige und vor Gericht konnte anhand eines FAX aus Gravenreuths Büro die Zahlung der TAZ belegt werden. Gravenreuth, der bereits wegen Urkundenfälschung vorbelastet war, wurde zu 14 Monaten ohne Bewährung verurteilt. Man gewährte im Haftaufschub, damit er seine Kanzlei noch abwickeln könne, da dieser aber nun fast verstrichen ist, hätte er seine Strafe in Kürze antreten müssen.

Dies und andere Gründe, haben Von Gravenreuth zu seinem letzten Schritt veranlasst. Aber ganz wie es sich für einen Mann seines Schlages gehört, nicht ohne Paukenschlag. Statt einem Brief an seine Nächsten schickte er eine Art Abschiedsspam an z.B. hochranginge CCC Mitglieder oder Betreiber von zwielichtigen Internetforen.

Seinen „letzten Gruß in die Runde”, wie er in der Email schrieb, nehmen wir versöhnlich an, ein Sportsmann wie es scheint, der nun aus seiner größten Niederlage, die für ihn einzige Konsequenz gezogen hat. Möge er in Frieden ruhen.

Peter Brandt (Dienstag, der 23. Februar 2010 / 11:01) | 2 Kommentare | Permalink

Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie

Penisverlängerungen, Diäten und sinnfreie Büroaccessoires

spam641

Was klingt wie eine sinnlose Aneinanderreihung suchmaschinenträchtiger Schlagworte kostet viele Menschen jeden Tag Zeit und somit auch Nerven. Menschen, die eine öffentliche, eine info@ oder kontakt@ oder noch schlimmer eine so genannte “Catch All” (d.h. egal was vor dem @ steht, die Email wird zugestellt) Emailadresse besitzen wissen genau wovon hier die Rede ist: Spam. Schreiende Überschriften wie, “Doping für Ihr bestes Stück”, “max.muster@mustermann.de ist zu dick” oder gar Drohungen und Warnungen angeblicher Sicherheitsbehörden, Banken etc. schallen dem Nutzer entgegen, wobei letztere meistens nicht nur blanker Spam, sondern “Phishing” Versuche darstellen, also Versuche an Ihre Daten zu gelangen und damit Schindluder zu betreiben. Zu guter Letzt dann noch die lustigen Spaßmails, die versuchen Trojaner, Viren und anderes Getier auf die heimischen Rechner zu schmuggeln.

Der Nutzer kämpft gegen Windmühlen, kauft Virenscanner, Spamfilter, Rootkitscanner, Firewalls und “Internet Security” Pakete. Doch der Erfolg will sich nicht einstellen. Stets brüllt die Mailbox neue zweideutige Angebote auf den LCD und der Nutzer klickt, markiert und löscht - oder fällt auf eines der Angebote rein.

Wie funktioniert dieses System, wer verdient daran.

Anders gefragt, wie kommen diese Halunken an “meine” Emailadresse? Hier führen viele Wege nach Rom. Zum Teil saugen Trojaner die Adressbücher betroffener Rechner aus, Communities werden gehackt oder schlicht missbraucht, oft wird auch schlicht geraten. Dies klappt besonders bei Emailadressen, die sich aus den Initialen und der Domain zusammensetzen. Diese Emailadressen werden in Bot-Netzwerken gesammelt und die Nutzung verkauft. 200$ für z.B. 30.000 Spammails wurden einst in einer Fachzeitschrift beziffert.
Die eben genannten Trojaner verfolgen noch einen weiteren Zweck, denn oft werden die infizierten PCs dann auch zum Versand der Emails herangezogen. Allerdings gilt auch hier das Prinzip der vielen Wege. Andere Spammails werden über gehackte oder offene Email-Server verschickt, über zwielichte Anbieter ebenso oder schlicht mit gefälschten Absenderdaten. Besonders dreist ist die Methode eine unzustellbare Mail mit falschem Absender loszulassen, woraufhin die Fehlermail dann an den vermeintlichen Absenden, im Sinne des Spammers Adressaten, geschickt wird (Backscatter) Übergreifend ist nur die Verschleierung des tatsächlichen Absenders.

Lohnt sich das?

Ganz klar: Jein! Für etablierte oder seriöse Unternehmen lohnt sich Spam nicht wirklich. Der Imageverlust und auch mögliche Klagen von betroffenen Empfängern machen Spam zu einer mitunter sehr teuren Marketingmaßnahme. Für Gauner und Betrüger hingegen kann sich das lohnen. Der Stern schrieb 2004, dass Spammer zwischen 6000 und 300.000 Dollar verdienen würden.

Was tun?

Nutzen Sie mindestens zwei Emailadressen. Eine für Ihre Freunde, Kollegen etc. Und eine für Foren, Communities und andere Bereiche des öffentlichen Netzes.
Halten Sie Ihren Virenfilter und Spamfilter auf dem neuesten Stand.
Antworten Sie niemals auf derartige Mails, da der Versender sich sonst sicher sein kann, dass seine Mail Erfolg gehabt hat. Selbst wenn Sie eines der Produkte wirklich interessiert, sollten Sie lieber versuchen auf anderem Wege dieses zu erstehen. Schon der Klick auf einen Link der Mail, sogar das Nachladen der Bilder in dieser Mail können vom Verfasser verfolgt und ausgewertet werden.
Verschleiern Sie Ihre Emailadresse auf öffentlichen Seiten. Entweder durch Umschreibungen wie max(at)muster.de, geeignete JavaScripts oder lassen Sie sich ein Kontaktformular mit Sicherheitsabfrage einbauen.
Liegt das Kind bereits im Brunnen, wechseln Sie Ihre Emailadresse, informieren Sie Ihre Kontakte und schalten nach einem Übergang von 14 Tagen die alte Adresse ab.

Was bleibt?

Der beständige Wettlauf zwischen Sender und Empfänger wird uns wohl noch auf Jahre hinaus beschäftigen. Ähnlich wie bei den klassischen Viren, wird das Wettrüsten weitergehen. Jede Filtermethode zieht eine neue Umgehung nach sich. Ärgern Sie sich nicht, die schöne digitale Welt hat halt auch ihre Schattenseiten, das ist so, und wird leider auch so bleiben.

Peter Brandt (Dienstag, der 16. Februar 2010 / 12:59) | Keine Kommentare | Permalink


Login für Mitglieder