Bizzlounger/innen mit Migrationshintergrund werden dies vielleicht bestätigen: Leichtfertig vergeudet ein Land seine Resourcen. Eine Studie der Boston Consulting Group weist nach: Wenn Deutschland Migrantenkinder fördert, rentiert sich das für alle.
Ein paar Deutschkurse in sozialen Brennpunktschulen, das reicht bei weitem nicht und trifft auch keinesfalls den Kern des Problems. In ihrer Reportage „Alles Glückssache“ stellt Ulrike Meyer-Timpe Glücksfälle von Migrantenkindern vor, die, wäre es nach deren Grundschullehrern und unwissenden Eltern gegangen, nie den Weg aufs Gymnasium und auf die Uni gefunden hätten. Sie sind nicht wegen des Bildungssystems, sondern trotz des Bildungssystems erfolgreich geworden.
Zum Beispiel Helmuth Haas. Seine Eltern sprechen rumänisch. Der begabte Junge hätte sich als Migrantenkind mit dem Realschulabschluss glücklich schätzen sollen. Zufällig erkannten zwei Lehrer seine Begabung, schickten ihn auf die Sommerakademie der Robert-Bosch-Stiftung. Heute studiert er Chemie.
Nicht jedes Kind hat eine Mutter wie Gülsah Keles. Ihre Mutter erlebte das Migrantenschicksal am eingen Leib. Kein Sprachunterricht; keine Förderung für sie, kein Blick der Lehrer auf Talente, die hinter den mangelnden Deutschkenntnissen verborgen waren. Ihren Töchtern wollte sie dieses Schicksal ersparen. Sie meldete ihre Tochter in einem Kindergarten an, in den nur deutsche Kinder gingen. Vom knappen Geld bezahlte sie ihr Musikstunden und organisierte Nachhilfeunterricht. Und kämpfte. Gülsah übersprang eine Gymnasialklasse, Einser-Abitur, Elite-Uni. Bachelor der European Business School mit 22.
Von 100 Akademikerkindern studieren in Deutschland 82, von 100 Arbeiterkindern aber nur 18. Weniger Talent haben sie oft nicht. Nur weniger Unterstützung. Kann sich Deutschland einen solch leichtfertigten Umgang mit seinen Talenten erlauben?
Die Boston Consulting Group macht folgende Rechnung auf: Im Jahr 2030 werden in Deutschland 3,5 Millionen Fachkräfte fehlen. Das Land müsse dringend in die Bildung junger Migranten investieren. Gleiche Bildungschancen kosten das Land ca. 5 Mrd. Euro pro Jahr. 110 Mrd. Euro an Bildungsinvestitionen bis 2030 stünden Mehreinnahmen von insgesamt 680 Mrd. gegenüber, weil junge Migranten dann offene Stellen besetzen und Steuern zahlen, statt arbeitslos zu sein.
Was kann dem Land besseres passieren, als auf hoch motivierte junge Menschen zu bauen, die eine Chance sehen, ihre sozialen Verhältnisse zu verbessern anstatt an mangelnder Integrationswilligkeit zu scheitern?

Dienstag, der 30. Juni 2009 um 12:58
Hallo,
nur eine kleine Anmerkung: Ende vergangener Woche war ich auf dem ABI-BALL meines Sohnes. Der Anteil von Migranten-Kindern aus aller Welt, welche dort erfolgreich Ihr Abitur bestanden haben, liegt bei über 30% - und es sind nicht die schlechtesten.
Gruss Norbert Wurth
Dienstag, der 30. Juni 2009 um 15:22
Hallo,
es freut mich zu hören, dass solche Forderungen gestellt werden. 1994 bin ich (damals 7) auch mit meiner Familie nach Deutschland gekommen. Ich habe ähnlich Erfahrungen gemacht. Damals hat meine Grundschullehrerin auch auf Hauptschule plediert, meine Mutter jedoch (die wirklich kaum Deutsch konnte) bestand auf die Realschule. Seitdem bin ich nun 21 und studiere Deutsch und Geschichte auf Haupt- und Realschullehramt. Viele Lehrer schauen weg und die Eltern stehen vor einem Neuanfang, weil viele Diplome (bei meinem Vater war Ingeneur für Landwirtschaftliche Machienen und Lezensierter Fahrlehrer), Ausbildungen und Berufserfahrung (meine Mutter war Erzieherin) nicht anerkannt wurden/werden. Mein Vater ist Machienenbaumechaniker und meine liebe Mutter “Reinigungskraft” (Basisarbeit).
Liebe Leute schaut auch ihr nicht weg, wir Aussiedler/Migranten brauchen euch!
Liebe Grüße
Dienstag, der 7. Juli 2009 um 15:32
“Von 100 Akademikerkindern studieren in Deutschland 82, von 100 Arbeiterkindern aber nur 18. ”
Was für Migranten und Umsiedler gilt, gilt auch für deutsche Kinder, die aus irgend einem Grund nicht in ein bestehendes Schema passen. Ich weiss von Kindern(deutsche), die nicht das Gymnasium besuchen durften, weil die Eltern Angst vor der finanziellen Belastung hatten.
Oder Kinder, die eine Schwachstelle haben und nicht gefördert werden, weil keine entsprechend ausgebildeten Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Da liegt viel Potential vergraben und es wundert mich nicht, wenn soche Kinder aggrssiv werden und nicht zu mehr Leistung motiviert sind.
Selbst Eltern, die für die Kinder und deren Bildung kämpfen haben oft keine Aussicht auf Erfolg. Was ist dann mit den Kindern, deren Eltern nicht kämpfen können, aus welchen Gründen auch immer?
Auserdem ist es auch so, dass “ungebildete” Eltern und deren Kinder von vornherein in eine Schublade gesteckt werden, die oft unter den Möglichkeiten der Kinder liegt.
Was bleibt uns zu tun? Was können wir tun? Wo kannn ich als “kleine Frau” ansetzen?
Es ist einfach auch so, dass es echt schwierig ist, Menschen zusammen zu bringen um gegen die Misstände anzugehen. Solange es mich selbst nicht betrifft… was soll ich mich in die Nesseln setzen?
Grüße aus dem Süden