Endlich haben unsere Politiker, Wirtschaftsweisen und Unternehmer die Universalausrede, den Wolpertinger, die eierlegende Wollmilchsau der Phrasendrescherei gefunden: „Die Krise ist schuld.”
Unlängst beklagte Gregor Gysi, wie ich meine zu Recht, die starke Zunahme der prekären Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland. Seien es befristete Verträge, Minijobs oder auch Zeitarbeitsverträge. Schuld daran sei, so wurde entgegnet: Die Krise. Dass diese Änderung am Arbeitsmarkt bereits seit Einführung von Hartz IV in diese Richtung geht, also weit vor Beginn der Krise, kehrte man unter den Teppich.
So hört man dieser Tage Entscheidungsträger allen Ortens stets dasselbe Liedchen trällern. Die Finanzlage der Kommunen, die Probleme in den Sozialkassen, der überzogene Bundeshaushalt, die Steuersenkungspläne, die Griechenlandmisere und so weiter und so fort seien alle der Krise geschuldet. Lediglich der isländische Vulkanausbruch wurde noch nicht der Krise in die Schuhe geschoben, auch wenn die Morgenpost scherzhaft titelte „Ich dachte, die Isländer hätten gar keine Asche mehr.”
Die Weltwirtschaftskrise hat sicherlich viele Missstände verschärft, andere wurden mitunter sogar erst durch die Krise deutlich. Aber wenn sie auch die Symptome verdeutlicht, so ist sie nicht Ursache aller Krankheit.
Schlimmer noch, während man nun versucht die Nachwirkungen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs einzudämmen, gehen dieselben Spielchen seitens der Finanzwirtschaft wieder von Neuem los. Es darf wieder gewettet werden, altes Spiel, neues Glück. Und statt aus der Vergangenheit zu lernen, konterkariert man die letzte Krise noch, in dem jetzt z.B. Wetten auf das Platzen Griechischer Staatskredite abgeschlossen werden.
Viel wichtiger als nur die Wirkungen der ausklingenden Krise zu besänftigen, wäre dafür zu sorgen, dass nicht die nächste generalstabsmäßig heraufbeschworen wird. Wer und wovon sollen denn zukünftige Rettungsschirme für Banken bezahlt werden? Aus der luxuriösen, kürzlich beschlossenen „Krisenkasse” vielleicht? Nach bisherigen Plänen reicht die gerade mal für das Catering beim nächsten Gipfeltreffen.
Wir, d.h. unsere Weltwirtschaft muss wieder zurecht gerückt werden. Diese unsägliche Kluft zwischen Kapitalmarkt und produzierender Wirtschaft muss verjüngt, wenn nicht gar geschlossen werden. Fragen Sie sich doch mal, was Geld eigentlich ist, oder vielmehr war. Die Idee war ein universelles Tauschmittel zu schaffen, das dann gegen Waren und Dienstleistungen eingetauscht werden kann, damit wir nicht mit Werkzeug oder einem halben Schwein auf dem Rücken zum Nachbarn kriechen müssen. Heute ist Geld selber eine Ware, wenn nicht gar für viele schon Sinn stiftend. Die Summen, die auf den Kapitalmärkten bewegt werden, finden sich weder in Realität wieder, noch kann jemand in solchen Mengen konsumieren. Es kann also nur um einen abstrakten Wettstreit gehen, nur dass die, die nicht auf diesem Karussell mitfahren, die Billets bezahlen müssen. Das ist, verzeihen Sie, „Penisvergleich” auf unterstem Niveau.
Stellen Sie sich die Anfänge der Kapitalmärkte vor: Ein Bauer mit 6 Schweinen möchte gerne einen größeren Stall für 12 Schweine bauen. Um dies zu realisieren, benötigt er fremdes Geld und verkauft so einen Anteil an seinem Hof einem reichen Nachbarn. Von dem Wachstum des Hofes profitieren in Zukunft dann der Bauer und der Nachbar, als Partner.
Heute würde der reiche Nachbar seine Anteile veräußern, andere beginnen Wetten darauf abzuschließen wie viele Schweine im Zuge einer Krankheit gekeult werden müssen, wieder andere verkaufen Anteile an dem Anteil mit er Prognose, dass der Bauer in Zukunft bestimmt viel mehr Schweine haben wird. Am Ende des Tages, gibt es auf dem Papier 60 Schweine, im Stall stehen aber mitunter weiterhin nur 12.
So wichtig und richtig es war, „systemrelevante Banken” zu retten, Arbeitsplätze zu sichern und die Unternehmen durch die Krise zu begleiten, so wichtig und richtig wäre es, die Weltwirtschaft jetzt vor den Zockern an den Märkten zu schützen. Und wenn unsere Regierung es schafft etwas Ordnung in das Casino zu bringen, darf sie meinetwegen auch weiterhin die Krise für alle politischen Versäumnisse in Mithaftung nehmen.

Dienstag, der 20. April 2010 um 14:53
Lieber Herr Picard, Gratulation, mit diesem Artikel haben Sie wieder ins schwarze getroffen. Was hier abläuft ist ein festhalten der Nutznießer unseres manipulierten Systeme, ist doch nur menschlich. Meines Erachtens benötigen wir ein neues Betriebssystem, eins für alle. Es gibt ein erfolgsversprechendes einfaches, offenes und Miteinander förderliches System, aber keiner von den Staatenlenker will es, komisch nicht. Ich Glaube wir erwarten einfach zuviel, es sind doch auch nur Menschen und die kleben an den Vorzügen unseres im sterben liegenden Systems schon mal fester als man denkt.
Dienstag, der 20. April 2010 um 21:20
Die Krise hat einen Namen: Kapitalismus!
Sonntag, der 2. Mai 2010 um 02:01
Ich wüsste ein heilsames Mittel, 99 % Einkommenssteuer auf Spekulationsgewinne. Aber dazu bräuchten wir andere Politiker, weltweit.