Archiv für die ‘Thema der Woche’ Kategorie
Dienstag, 19. Mai 2009
Schneller, effizienter und marktbezogen – die Studienreform zeigt aber auch ihre Kehrseite: Einheitsabschlüsse, wenig Raum für Forschung und „Thinking out of the box“ – Funktion statt Sinn.
In den USA versucht man den Studenten neben Fachwissen auch community spirit, also das Bewusstsein für bürgerschaftliches Engagement zu vermitteln. Soziales Gewissen können deutsche Studenten nun auch als eine Art Zusatzqualifikation belegen: Service Learning.
Die Methode erinnert ein wenig an amerikanisches Toastbrot, dem zunächst einmal alle Nährstoffe entzogen werden, um dann als wertvolle Zusatzstoffe dem minderwertigen Lebensmittel wieder zugeführt, auf der Packung als Zusatznutzen verkauft werden.
So also funktioniert laut DIE ZEIT die als großartige Idee gefeierte Selbstverständlichkeit:
Seit der Bologna-Reform schien in den neuen, durchmodularisierten Bildungsbiografien für Ehrenämter (also soziales Engagement) kein Platz zu sein, auch das Interesse an studentischer Mitbestimmung in Fachschaften ging zurück. Vielleicht kommt deshalb jetzt ein alter, idealistischer Gedanke von Humboldt’s zu neuen Ehren: Die Universitäten wollen den Studierenden künftig wieder Raum für Sinnfindung geben. Das funktioniert, indem sie sozusagen als Zugeständnis an die neue Zeit das Ehrenamt in die Stundenpläne integrieren und dafür Leistungspunkte verteilen.
So konstruierte der angehende Ingenieur Lars Meyer Rollstühle in Vietnam. „Wir haben Vorrichtungen entwickelt, mit denen sich Rollstühle in handgetriebene Dreiräder umbauen lassen“, sagt er, „bei den schlechten Straßen sind die Menschen damit mobiler.“ Seinen Aufenthalt fand der 22-jährige „sinnvoller als ein Praktikum, bei dem man keine richtigen Aufgaben hat.“
Der 29-jährige Martin Hablitzel hat durch Service Learning seinen Traumberuf gefunden. Er studiert Volkswirtschaftslehre in Mannheim und besuchte ein Seminar über Management für Non-Profit-Organisationen. Mit Kommilitonen entwickelte er ein Marketingkonzept für die Mannheimer Lebenshilfe, die ein Wohnheim für behinderte Menschen betreibt. „Vorher haben mich gemeinnützige Vereine nicht so interessiert, jetzt kann ich mir gut vorstellen, später bei der Lebenshilfe zu arbeiten“, sagt er. Die Vorteile von Service Learning schätzt er pragmatisch ein:“ Man wird von den Einrichtungen gebraucht und kann besser Kontakte knüpfen als ein normaler Praktikant, der bloß durchgeschleust wird.“
Immerhin. Welcher Bizzlounger hat Bedarf an Service Learnern?
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Dienstag, 12. Mai 2009
Widerspruch in sich. Indem wir uns als „wertkonservativ“ bezeichnen wollen wir damit vermeiden, in die konservative Ecke mit Leuten wie George W. Bush und Co. gestellt zu werden. Wir sind nämlich fortschrittlich, sozial und umweltbewusst und das sind Attribute, die der politischen und intellektuellen Linken zugeschrieben werden. Unsere moralischen und gesellschaftlichen Werte, auf die wir uns seit jüngster Zeit (wieder) besinnen, die sind allerdings irgendwie schon ein bisschen … also da sind wir irgendwie doch schon eher, na ja, eben konservativ. Aber, um jedem Missverständnis vorzubeugen: wir sind anders konservativ als etwa unsere Eltern! Wir sind nicht spießig-konservativ, wir sind, na ja, und da liegt eben der Widerspruch – wir sind irgendwie modern-konservativ.
Diesen Wandel beschreibt Wolfram Weimer folgendermaßen: Werte statt Wertpapiere, so dürfte die Devise lauten. Wir stehen damit ziemlich wahrscheinlich vor einer konservativen Wende. Die Linke hatte ihre beiden Jahrzehnte, die Liberalen hatten sie, jetzt sind die Konservativen dran.
„Elite“ ist wieder eine Orientierungsformel, genauso wie „Werte“ und „Leitkultur“, „Heimat“ und „Leistungsethik“. Beinahe altbacken klingen dagegen die besiegten Leitbegriffe von „Solidarität“ bis „Emanzipation“… Doch die neue konservative Wende zeichnet eine starke Familiarisierung des Denkens vor. Kinder und Mütter rücken plötzlich ins Rampenlicht und entfachen ein Demografiebewusstsein wie zuletzt im 19. Jahrhundert.
Wir besinnen uns also auf so genannte konservative Wertvorstellungen, ohne das Kind wirklich beim Namen nennen zu wollen. Dieser Zustand – für den eben auch jener Ausdruck „wertkonservativ“ steht – ist nicht neu. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Auch Linke sind Spießer, nur geben sie’s nicht gerne zu, nennen’s halt „wertkonservativ“.
Als Beispiel sei aus dem eben erschienen Buch des Spiegel-Redakteurs Jan Fleischhauer zitiert: Mittelklasse-Sozialismus oder Links-Chic sind andere Versuche der Beschreibung, aber sie meinen alle das Gleiche. Dieses Milieu ist bevölkert von einem Typus, den man an seinen Konsum- und Kulturgewohnheiten erkennen kann und der sich durch ein ausgeprägtes Elitebewusstsein auszeichnet, wobei Elite zu den Begriffen gehört, die für ihn so tabu sind wie Nation, Heimat oder Volk … der Marktwirtschaft steht man in dieser Gesellschaftsschicht kritisch gegenüber, ohne genau sagen zu können, was die Alternative wäre. Nun hofft man insgeheim, dass die Krise des Kapitalismus nicht zu weit voranschreitet, weil auch der eigene Wohlstand dran hängt …
Mit den althergebrachten Bildern von rechts-links oder eben fortschrittlich-konservativ lässt sich die (Neu)-Bestimmung der Werteskala anscheinend nicht vornehmen. Wenn Wertbegriffe wie Familie, Leistung oder gar Religion mit dem Wort „konservativ“ belegt, nach den Vorstellungen einer spießigen Vorgängergeneration klingen, dann liegt es vielleicht nur daran, dass wir mit dem Begriff selbst etwas verbinden, für den er ursprünglich überhaupt nicht steht.
Anstatt beim Gedanken an „konservativ“ an reaktionär und fortschrittsfeindlich zu denken, würde uns folgende Definition vielleicht weiterhelfen: Das Leben des Konservativen kommt schließlich aus dem, was immer gilt, und nicht aus dem, was gestern war.
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Dienstag, 5. Mai 2009
Der Philosoph Peter Sloterdijk prägt den Begriff der „Anthropotechnik“ als Antwort auf die Wirtschafts- und Sinnkrise unserer Gesellschaft. „Du musst dein Leben ändern“, nennt er sein neues Buch. Führende Intellektuelle fordern eine neue Ethik für den spätkapitalistischen Menschen. Alter Wein in neunen Schläuchen, wenn Ralf Dahrendorf hierzu nach Begriffen wie Mäßigung, Gelassenheit und Übung verlangt.
Im SPIEGEL stellt Matthias Matussek unter dem Titel „Der neue Mensch“ die Vorreiter eines „Neuen Denkens“ und deren Gedanken zum allgemeinen Krisenmanagement vor. Er verweist auf Ralf Dahrendorfs Essay „Nach der Krise: Zurück zur protestantischen Arbeitsethik“ und auf Wolfram Weiner, Chefredakteur von „Cicero“, welcher die aufklärerischen Ideale von „Freiheit, Gleichheit und Bürgerlichkeit“ propagiert.
Matussek schreibt: Am radikalsten jedoch geht der Philosoph Sloterdijk mit uns Bisherigen ins Gericht. Umkehr, Entsagung, das sind ebenfalls Grundmotive in seiner großangelegten philosophischen Dichtung, die seit Wochen in der Bestsellerliste steht; „Du musst dein Leben ändern.“… In immer neuen Anläufen beschwört Sloterdijk durch die Kulturgeschichte hindurch die großen Einzelgänger, die über sich Hinausgreifenden, die Nichtmitmacher, die „neuen Menschen“ in der Tradition Nietzsches. An Athleten und Künstlern und Mönchen führt er das vor, was er „Anthropotechnik“ nennt. Er kommt zu dem Schluss der Mensch solle „in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens annehmen.“
Wie schrieb schon der alte Salomon am Ende seines Lebens?: Nichts Neues unter der Sonne. Dahrendorf verweist auf tugendhaftes Verhalten, welches der geneigte Leser bereits bei der Lektüre der Stoiker, bei Augustus und Seneca hätte erkennen können (und sollen?). Und war es nicht ebenjene „protestantische Ethik“, die uns die Gottgefälligkeit des Geldverdienens erst verherrlichte?
Und schließlich: Klingt Sloterdijks Titel „Du musst dein Leben ändern“ nicht wie die nunmehr zwei Jahrtausende alte Forderung des Johannes: Metanoie - ändere deinen Sinn!?
Ist es eher nicht so, dass der spätkapitalistische Mensch, sich weder zu einem „neuen Menschen“ entwickeln muss und keiner neuen Ethik bedarf, sondern sich auf den Schatz seiner bereits existierenden Werte besinnen sollte. Mehr fordern die angeblich „neuen Denker“ letztendlich, wenn auch in neue Worte gekleidet, auch nicht.
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Dienstag, 28. April 2009
Da dachte man ja immer noch, die Bahn, na ja, ein Stück Deutschland, Identität, solide und irgendwie ja doch was Ehrliches oder zumindest: eine Marke. Wenn aber tatsächlich stimmt, was der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff zu Tage brachte, dann muss man sich fragen, in welcher Welt wir leben.
Die „Operation Babylon“ im Januar 2009, bei der über 170.000 Bahnmitarbeiter überwacht wurden, sorgte bereits für Empörung. Nun aber meldete sich ein hochrangiger Bahnangestellter bei Wallraff und behauptete, er könne dessen Verdächtigungen bestätigen, nämlich:
Erstens: In der Bahn würden die Beschäftigten im großen Stil ausspioniert. Zweitens: Einigen Beschäftigten seien sogar kompromittierende Pornobilder und Nazimaterialien auf ihre Dienstcomputer aufgespielt worden, um sie erst unter Druck und dann vor die Tür zu setzen.
Eine gewisse „Frau T.“ behauptet, ihre Computermaus habe einen Kampf gegen einen „Eindringling“ geführt, der vor ihren Augen den Cursor ihres Computers manipulierte und Daten löschte. Nach glaubwürdigen Photoanalysen konnte sogar bewiesen werden, dass die Bahn durch als Briefträger getarnte Mitarbeiter Post zustellen lässt, um Fristen zu manipulieren. Der Betriebsratschef fand eines Morgens „Mein Kampf“ auf seinem Rechner…
Genügend Beispiele, um sich zu fragen, ob man es bei der Bahn mit Größenwahn oder nur mit Dummheit zu tun hat. Mehdorn hin, Mehdorn her, was sind das für Menschen, die bereit sind, illegal und wider besseres Wissen eigene Kollegen mit „Geheimdienstmethoden“ auszuspionieren und zu diffamieren?
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Montag, 20. April 2009
Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei. Diesen Satz bekommen wir bereits im Alten Testament zu lesen. Ein Anachronismus in einer Zeit, in der das Bild des erfolgreichen Singles das (Vor)-Bild unserer Gesellschaft prägte. ICH statt DU - Individualität um jeden Preis, inklusive Nebenwirkungen: Bindungsunfähigkeit, Depression, psychosomatische Störungen bedingt durch Vereinsamung etc., etc…
Nachdem die Begleiterscheinungen empirisch untersucht wurden, kommt man (wieder) zu dem Schluss, dass der Mensch ein Gesellschaftstier ist. Das Glück ist ein Zwillling - ohne sein Gegenüber funktioniert es nicht. Und dies bedeutet auch: „Ein sozial aktiver Mensch lebt gesünder“, so Hanno Albrecht in DIE ZEIT.
Vor zwei Jahren wiesen Molekularbiologen nach der UCLA zum ersten Mal nach, wie sich die sozialen Kontakte auf das Immunsystem auswirken. Eines wird in dem Studien immer wieder deutlich: Die Einsamkeit zwingt das Immunsystem in die Knie und schürt Entzündungen.
„Glück ist anstecken“ – diese Schlagzeile ging vor einiger Zeit um die Welt. Sie bringt das Ergebnis einer Studie auf den Punkt, die den Wert sozialer Netzwerke untersuchte, schreibt Albrecht weiter. Der Politwissenschaftler James Fowler und der Sozialmediziner Nicholas Christakis entdeckten, dass sich Gesundheitsverhalten und allgemeines Wohlbefinden wie ansteckende Viren in Netzwerken verbreiten. So erhöht zum Beispiel ein glücklicher Partner die Wahrscheinlichkeit, selbst glücklich zu sein, um 8 Prozent; frohgemute Geschwister in der Nähe lebend die Stimmung um 14 Prozent, glückliche Nachbarn nebenan sogar um 34 Prozent.
Der Hirnforscher James Coan kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen, denen man vertraut und mit denen man sich verbunden fühlt, die Hirnregionen besänftigen, die mit Gefahren und verschärfter Aufmerksamkeit zu tun haben. Coan weiter: „Bei Menschen in einer engen Beziehung heilen Wunden schneller, sie werden seltener krank, sind weniger anfällig für Depressionen und Ängste … – evolutionär ist der Zustand des Alleinseins für den Menschen nicht vorgesehen.“
Die Medizin der sozialen Netzwerke lehrt, dass der privaten wie der öffentlichen Gesundheit durch eine Stärkung des Gemeinsinns mehr geholfen wäre als durch ständige Investitionen in die Apparatemedizin. In dieser Hinsicht hat Deutschland noch einigen Nachholbedarf. Denn nirgendwo sonst in der Welt suchen Menschen so oft ihren Hausarzt auf wie in Deutschland. Das mangelnde Wohlbefinden der Deutschen, so analysierte die britische New Economics Foundation, sei eine Folge unterdurchschnittlicher sozialer Kontakte zur Familie und Freunden.
Das Fazit von DIE ZEIT lautet daher: Der Kegelverein auf Rezept? Warum nicht?
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Sonntag, 19. April 2009
Eine Nachricht GM betreffend erreichte uns heute: IKEA hat Interesse am Kauf von GM bekundet.
Seinen Grundsätzen treu bleibend, möchte der schwedische Möbelhersteller den Kunden auch weiterhin kostengünstige Modelle zum Selberaufbauen bieten.
Mit dem IKEA-Universalschlüssel soll die Zukunft des angeschlagenen Autokonzerns gerettet werden. Und so könnte dessen Zukunft aussehen:


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Dienstag, 14. April 2009
Shared Intentionality - Der Wille zur Kooperation.
So mancher Mensch - Politiker eingeschlossen - steht der derzeitigen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft ratlos gegenüber. Alte Muster greifen nicht mehr bzw. haben sich sogar ad absurdum geführt. Eine der Chancen dieser Krise könnte darin liegen, so manchem Egoisten oder Machtstreber alter Schule von einem Erfolgsrezept zu überzeugen: Kooperation.
Aus schlichter Notwendigkeit geboren, stehen die Chancen für einen Bewusstseinswandel recht gut. Haben wir denn eine andere Wahl? Der richtige Ton wird bereits angeschlagen.
Sprach man noch gestern von der „Achse des Bösen”, so bietet der neue US-Präsident dem Iran Gespräche über einen Neubeginn zwischen den beiden Nationen an. Und siehe da: Achmadinedschad kommt ins Stottern. Die Idee vom gegenseitigen Feindbild funktioniert plötzlich nicht mehr. Kooperation erscheint viel versprechender, sobald die Schlüsselfrage beantwortet werden kann: „Was habe ich davon?”
Statt einer „Koalition der Willigen” bedarf es einer „Koalition der Lernwilligen”. Sie nämlich, die friedfertige Mitte, die es im überwiegenden Maß in jeder Gesellschaft gibt, könnte sich gemeinsam gegen jede Art von Fundamentalismus und für ein Miteinander zusammenschließen. Ein klares Signal zur friedfertigen Kooperation wäre nicht mehr als dem Wesen des Menschen entsprechend. Solche, in den Augen mancher Zyniker naiv anmutende Gedanken, werden vom derzeitigen Stand der Forschung sowie der „Osterbotschaft” gleichermaßen unterstützt.
Der Autor Joachim Bauer beschreibt die neurobiologische Veranlagung des Menschen zur Kooperation. Der Entwicklungspsychologe Michael Tomassello titelt in DIE ZEIT „Das Tier, das „Wir” sagt” und geht dabei von folgender These aus:
„Wenn die Fähigkeit zur Kooperation, die Freude an ihr, nicht erst mühsam herbeigezwungen werden muss, sondern uns als konstituierendes Merkmal innewohnt, dann muss man nicht scheitern an der Herausforderung, vor der unsere Gattung steht - ein gemeinsames, globales Wissen und Gewissen zu entwickeln.” Zwar sei der Zweck der Wissenschaft nicht, die Menschheit zu retten, so Tomassello. „Aber vielleicht könne sie helfen, nicht zu vergessen, dass die Ausweitung unserer Loyalitäten immer prekär bleibt. Die Fähigkeit zur Kooperation und damit zur Solidarität und Friedfertigkeit sei über Jahrhunderttausende an das Leben kleiner Gruppen gebunden gewesen. Die große Aufgabe bestehe nun darin, „die Gruppe auf eine neue Weise zu definieren. … Wenn man sich nur ein paar Tage lang in das weltweite Netzwerk von Psychologen, Paläontologen und Genetikern hineinzoomt, die das Rätsel der Menschwerdung in kleine Wahrheiten verwandeln, ihr Wissen teilen und hartnäckig, aber friedlich streiten - dann kommt diesem Unternehmen zur Aufklärung der conditio humana etwas wie die Ahnung einer kooperierenden globalisierten Gemeinschaft mit shared intentionality auf, die universeller wäre, als alle Glaubenssysteme.
Klingt, als rufe die Krise nach dem, was man im Allgemeinen den „Gesunden Menschenverstand” nennt. Warum sonst, sind so schnell so viele Menschen für ein Umdenken zu begeistern? Anscheinend haben viele ihrem eigenen gesunden Urteil nicht mehr geglaubt. Tomassello sagt dazu: „Der Mensch ist ein Tier, das klug wurde, weil es kooperiert.” Feindbilder haben da keinen Platz.
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Dienstag, 7. April 2009
„Mit gutem Beispiel vorangehen“. Mit dieser Devise verblüfft und mobilisiert der US-Präsident die Welt. Auch wenn „Realpolitiker“ Obamas Utopien belächeln, so spricht er nicht aus, was Politiker, sondern was die Menschen von ihm erhoffen.
„Moralische Führerschaft ist mächtiger als jede Waffe“, sagte er in Prag und steht damit in guter amerikanischer Tradition. Nicht realpolitische Skepsis, sondern der Glaube an Visionen macht Träume wahr. Bereits in den frühen Sechzigerjahren mahnte der Friedensnobelpreisträger Dr. Martin Luther King Jr. die Moralische Pflicht ein. Seine Gedanken trugen die Überschrift „Vernetzung“ lange bevor die Begriffe Internet und Globalisierung unser Leben bestimmten:
„Ob wir es erkennen oder nicht: Jeder von uns ist der Schuldner bekannter und unbekannter Menschen. Wir haben noch nicht unser Frühstück beendet und waren schon mit der halben Welt in Verbindung. Im Badezimmer greifen wir zum Schwamm, nach dem ein Bewohner der Pazifischen Inseln tauchte, wir greifen zur Seife, die ein Franzose für uns herstellte. Bei Tisch trinken wir Kaffee, den ein Südamerikaner erntete, oder Tee, den ein Chinese pflückte, oder Kakao aus Westafrika.
Ehe wir noch zur Arbeit gehen, sind wir schon Schuldner der halben Welt geworden. Tatsächlich ist alles Leben miteinander verbunden. Alle Menschen sind in ein Netz der Gegenseitigkeit verwoben. Was den einen unmittelbar betrifft, betrifft den anderen mittelbar. Ich kann niemals so sein, wie ich eigentlich sein sollte, wenn du nicht bist, wie du sein solltest. Und umgekehrt ist es nicht anders.“
Der Zustimmung für die Reden des US-Präsidenten nach zu urteilen, scheinen sich einige Menschen dieser Verantwortung bewusst zu sein oder zumindest die gleichen Visionen zu teilen.
Foto: Hofschläger/pixelio
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Dienstag, 31. März 2009
Soll er sich doch eine Luxusyacht für 100 Millionen Euro kaufen. Ist doch sein Geld. Oder zahlt er die etwa aus der Portokasse seines Unternehmens? Laut „Spiegel“ bat der schwäbische Unternehmer Reinhold Würth die Gäste, die er jüngst zum Stapellauf eingeladen hatte, über die Festlichkeit strikte Diskretion zu wahren, um eine Neiddebatte zu vermeiden. Angesichts von Kurzarbeit und Lohnkürzungen in seinem Unternehmen ist das doch sehr rücksichtsvoll. Was kann er dafür, dass sein Unternehmen von der allgemeinen Wirtschaftkrise gebeutelt wurde? Gönnen wir dem alten Herrn ein wenig Spaß. Wer weiß, wie lange er die Früchte seines Unternehmertums noch genießen kann?
Außerdem braucht er in schweren Zeiten wie diesen ein wenig Ausgleich, denn dem Schwaben geht es gar nicht gut, wie er der FAS gestand. Sein Gesicht verursacht ihm Schmerzen – wenn er es im Spiegel anschauen muss. Seit seiner Vorstrafe wegen Steuerhinterziehung leidet er: „Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich dort einen Gangster, einen Gauner, einen Ganoven, einen Steuerhinterzieher. Das tut weh.“
Haben wir also Mitleid mit einem, den das Gewissen derartig plagt. Und vor allem: Versündigen wir uns nicht! Was sind wir bloß für Menschen, dass wir einem Mitmenschen sein bisschen Luxus nicht gönnen? Invidia, die Missgunst ist eine der sieben Todsünden! Vielmehr sollten wir erkennen, dass uns Herr Würth in Zeiten wie diesen ein Zeichen sendet, uns motivieren will. Seht her!, ruft er uns quasi zu, seid nicht neidisch, sondern lernt von mir! Sonst schmort ihr im Fegefeuer, während ich durch die Karibik kreuze.
In seinem Buch „Der Neid und die Gesellschaft“ erklärt der Soziologe Helmut Schoeck die Wirkung des Neides: Ohne Neid gäbe es keine sozialen Gebilde… Die wechselseitige, spontane Aufsicht, die Menschen untereinander ausüben, die soziale Kontrolle, ist so wirksam dank dem Neidfaktor…
Also alles ganz normal, wenn man dem Fachmann glauben darf. Sehen wir also die positive Kraft, die hinter Steuerhinterziehung und Protzerei steckt und gratulieren wir Herrn Würth zu seiner Yacht und seien wir froh, für unseren Neid nicht in der Verdammnis gelandet zu sein.
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Montag, 23. März 2009
Eltern werden nie alles richtig machen können – mit dieser Realität müssen sie, muss ich, einfach leben. Dabei scheint der Ur-Instinkt, seine Nachkommen beschützen zu wollen, in vielen Fällen abhanden gekommen, der Leichtgläubigkeit oder gar der eigenen Bequemlichkeit geopfert worden zu sein. Die Erziehungspflicht wird, wie die davon betroffenen Kinder vernachlässigt.
„Anything goes“ scheint mir eine falsche Interpretation von Wahl- und Entscheidungsfreiheit. Der Irrglaube, dass der Markt sich selbst reguliert, hat sich auch auf andere Lebensbereiche, so auch auf die Erziehung übertragen. Dabei scheint die Formel doch eher umgekehrt zu funktionieren, je mehr Freiheit, desto mehr Wissen sind im Umgang mit ihr nötig. Wer aber sagt Kindern was Recht und was Unrecht ist? Wissen wir es etwa schon selber nicht mehr? Wer unterweist sie in der Kunst, „Nein“ sagen zu können? Und welche Kriterien sollen bei der Beurteilung gelten? Kein Fernseher im Kinderzimmer, keine unbegrenzte Computerzeit, nicht jedem Wunsch nachgeben. Guido di Fabio spricht ganz allgemein vom Verlust der „Alltagsvernunft“ (ein treffendes Wort wie ich finde).
Warum sollen Psychologen, Lobbyisten und Politiker darüber entscheiden, welchen Unsinn sich mein Kind antun darf oder nicht? Nur indem Eltern auch konsequent „Nein“ sagen – und ihren Kindern die „bessere Alternative“ vorleben, werden Kinder den Unsinn und vielleicht sogar die Gefahr erkennen, die sie auf subtile Weise umgibt.
Zur derzeitigen Diskussion um besseren Schutz unserer Kinder träumte ich heute Nacht folgenden Traum:
Ein Vater hat wenig Zeit, dafür aber einen Sohn, der ihn mit dem Wunsch nach einem Hund bedrängt. Der Hund soll „stark“ sein, ein lebhafter Spielkamerad und Beschützer, wenn der Vater im Büro oder unterwegs ist. Der Sohn wünscht sich keinen lieben, harmlosen, mit dem man sich schämen muss, sondern einen großen, mit dem man zeigen kann, wie stark man selber ist. Dann wird er endlich nicht mehr gehänselt werden.
Beim Züchter findet sich einer, der die Zähne zeigt und knurrt. Das Kind ist beeindruckt. Der Vater zweifelt, ist kein Experte, doch sein gesunder Menschenverstand sagt ihm: Wozu einen knurrenden Hund. Und noch so einen großen dazu? Kann ich so einen mit meinem Kind alleine lassen?
Der Händler meint: „Der ist ungefährlich, der tut nur so – wenn man dem zeigt wo’s lang geht, ist der ganz harmlos.“ Der Händler läßt den Hund ein paar brave Tricks vorführen.
„Also wenn Sie sagen, dass der Hund nicht „wirklich“ beißt, dann kaufe ich ihn in Gottes Namen“, sagt der Vater mit Blick auf seinen bettelnden Sohn.
„Ich habe nicht gesagt, dass der Hund nicht beißt. Ich sagte nur, bei richtiger Handhabung ist er harmlos. Fürs Beißen gilt: Kann, kann nicht, je nach dem wie das Kind mit ihm umgeht. Das müssten sie dem Kind schon noch selber beibringen.“
Der Vater wägt die Antwort des Händlers ab. Trotz aller Bitten des Kindes kauft er den Hund nicht. Den Vorschlag, einen kleinen, zahmen zu nehmen, lehnt der Sohn lauthals ab. So ein Pinscher wäre ihm peinlich, da lachen ihn die anderen ja noch mehr aus.
Schlechten Gewissens macht der Vater einen Vorschlag zur Güte: Er verspricht dem Sohn ein richtig “geiles” Computerspiel, mit dem sich der Sohn während des Vaters Abwesenheit beschäftigen kann, eines, bei man sich richtig „stark“ fühlen kann. Der Sohn darf es sich sogar selber aussuchen – es beißt ja nicht…
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